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Veröffentlicht am 2015-06-11 22:09:25 in /ph/

/ph/ 12231: Außenwelt / Innenwelt

sava2500 Avatar
sava2500:#12231

Mich interessieren Außen-Innen-Welt-Fragen schon seit meiner Schulzeit. Damals entwarf ich mir ein eigenes Schalenmodell, dessen Kern mein Ich bildete. Um diesen Kern herum lagen (von innen nach außen) Körper, Bett, Zimmer, Haus, Heimatstadt, Heimatland, Erde, Sonnensystem, Weltall. Die Grenzen zwischen diesen Schalen waren so fest aber nie und ich verhandelte sie stets neu.

Später sah ich ein Peter-Handke-Interview und fühlte mich durch folgend verlinkte Stelle sehr angesprochen: https://youtu.be/fMPW00m_gZc?t=22m13s Mir gefällt der Gedanke, dass es bei Kunst viel darum geht, Orte in der Außenwelt zu finden, die Gefühlen in der Innenwelt entsprechen.

Noch später besuchte ich dann eine Max-Beckmann-Ausstellung, in der viele Gemälde nach dem Muster von Bild relatiert hingen. Ich fühlte mich sofort an mein altes Schalenmodell erinnert und empfand es so, als würde er den Blick aus einem Kopf durch die Augen eigentlich abgebildet haben.

Irgendwelche Assoziationen dazu? Kunst, die in die Richtung geht? Philosophisches, um das Thema zu vertiefen? Schreibt ruhig drauflos, ich bin nicht wählerisch.

itskawsar Avatar
itskawsar:#12232

>>12231
Hallo OP.

Ich habe dazu unter anderem diese Assoziation: Wenn man diese Metapher mit den Muschelschalen aus dem Interview ernst nimmt, landet man eigentlich im Solipsismus.

Es gibt manchmal Erzählungen oder Filme, in denen Realitätsebenen verwischt werden. Durch diese Verwischung ist dann nicht mehr klar, ob die Außenwelt vielleicht nicht doch die Innenwelt des (innerweltlichen, also selbst in der Erzählwelt lebenden) Erzählers ist, der sich hier gerade austobt. Sowas gibts schon in der Romantik, z. B. bei Tieck. Das erwähnt ja Handke in dem Interview. Bei Kehlmann findet man das zum Beispiel in Beerholms Vorstellung: Der Erzähler, der vermeintlich seine eigene, authentische Geschichte erzählt, entpuppt sich am Ende als größenwahnsinniger Fadenspinner.

Und ich muss natürlich an viele Landschaftsbilder in der Kunst und auch in der Literatur denken. Die Natur ist in diesen Darstellungen nichts anderes als das äußere Abbild eines inneren Zustandes.
Und manchmal werden diese Projektionen dann ironisch gebrochen.

Diese Brechungen sind dann sozusagen 'der Widerstand der Welt' gegen die subjektiven Zuschreibungen. Das wirkt oft komisch.

Dein 'Schalenmodell' hört sich aber nicht so extrem an.

aleclarsoniv Avatar
aleclarsoniv:#12233

>>12231
In der Romantik wird die Welt und das Ich als eine Einheit gesehen, zum Beispiel der Protagonist in Eichendorffs Taugenichts sieht überall in seiner Umgebung Wiederspiegelungen seines Seelenzustands. Aber schon vor und nach dieser Epoche gab es diese Idee. Man kann so weit gehen, zu sagen, dass Kunst stets die Verbundenheit von Innen und Außen ausdrücken will.
Ein Künstler zeigt dir ein Werk von einem Sonnenuntergang oder einer Ruine. Deine Reaktion, noch bevor du sie reflektierst und in Worte fasst, sind deine Emotionen, der Zustand in den die Betrachtung des Werks dich versetzt. Du fühlt vielleicht etwas Bittersüßes, Wehmut, Sehnsucht, oder aber die Bilder wecken in dir ganz andere Regungen.
Innen und Außen sind eine Dichotomie, eine Zweiteilung wie die allgegenwärtige Ursache-Wirkung- und Subjekt-Objekt-Beziehung. So viele Anzeichen wir für die Richtigkeit und Nützlichkeit dieser Einteilungen sehen, sie sind uns alle nicht in die Wiege gelegt, sondern ein Ergebnis des Einflusses der Kultur auf uns. Dualistische Denkweisen sind überall zu finden, aber viele führen dich im Kreis, denn die Gegensätze bedingen einander und sind untrennbar verwoben.
So auch bei innen und außen. Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung ging so weit, die Außenwelt als einen einzigen Spiegel für die Innenwelt des Betrachtenden zu bezeichnen.
Falls du Neon Genesis Evangelion kennst, dort wird in den letzten zwei Folgen die Psychologie Jungs sehr deutlich aufgeführt. Nach Jungs Auffassung besitzt jedes Erlebnis deines Lebens, jeden Mensch den du triffst, jedes Ding, das du bemerkst, eine Entsprechung in deiner Psyche. Es ist wie im Traum, der auch nur ein Wiederschein deines tiefsten Innern ist, wie ein Zauberspiegel, der durch Gleichnis und Symbol dir etwas von der Urnatur des Seins erzählen will.
Alan Watts schreibt, dass Realität nur der Rorschach-Fleck ist, den wir deuten. Die Art, wie du deine Welt wahrnimmst, zeigt dir, wer du bist, eben wie ein Zauberspiegel, der immer etwas anderes zeigt, je nach dem, wer in ihn blickt.
Mehr oder weniger ist jede Kunstrichtung ein Dialog zwischen Innen und Außen, wenn man es so sehen will. Aber wenn man Kunst so deutet, wird man immer nur die selben Ergebnisse erhalten - Kunst aber geschieht jenseits aller Begriffe, wie das Leben selbst. Beides ist über Teilung und Dualismus erhaben. Der Symbolismus zeigt auf seine Weise das, was du suchst, so wie der Expressionismus es auf eine andere Weise zeigt.
Die psychologische Tiefe von einer Kunstprägung wie des Expressionismus anzuschneiden, würde etwas zu weit gehen, obwohl ich es versuchen könnte, wenn es interessiert.
Philosophisch interessant wären vielleicht Die Verklärung des Kunstwerks von Arthur Danto und Einführung in die frühromantische Ästhetik von Manfred Frank sowie Einführungen in C.G. Jungs Psychologie inklusive seiner Anima-Theorie und eine Einführung in die Realitätstheorie von Lacan.

jamesmbickerton Avatar
jamesmbickerton:#12255

>>12232
>>12233

Voll Danke!

>Die psychologische Tiefe von einer Kunstprägung wie des Expressionismus anzuschneiden, würde etwas zu weit gehen, obwohl ich es versuchen könnte, wenn es interessiert.

Würde mich schon interessieren, ja, aber ganz nach deiner Kraft und Lust.

>Die Verklärung des Kunstwerks von Arthur Danto

"des Gewöhnlichen" meinst Du, oder?

vj_demien Avatar
vj_demien:#12256

>>12255
Danke, natürlich heißt es die Verklärung des Gewöhnlichen.

Expressionismus ist eine Kunstform, die subjektiven Eindruck und Wahrnehmung betont. Der Betrachter, der seine Wertschätzung an Objektivität festmacht, wird dem Expressionismus mit seinen verschobenen Formen, übertriebenen Konturen und absurden Farbgebungen nicht selten reserviert gegenüberstehen. Die Feindseligkeit gegenüber aufrichtigem künstlichen Ausdruck kam bekanntermaßen besonders in der NS-Zeit zum Ausdruck, als Ausstellungen zu entarteter Kunst und zu völkischer, klassischer Kunst organisiert wurden, wobei die Faszination am Verbotenen, am Entarteten um einiges höher war als das Interesse an Gemälden idealisierter Familien von Landwirten und Arbeitern, die in realistischer Manier dargestellt wurden.
Realistisch, das ist der Begriff, der die Betrachtung und den Vergleich von Expressionismus und konservativer Kunstformen beeinflusst: Der Traditionelle wird sich vom Expressionismus abwenden, mit der Angabe, die Farben seien verfälscht, die Darstellung sei insgesamt verrückt, von den dekadenten oder wilden Themen und Sujets ganz zu schweigen.
Auch in haltloser Kritik liegt ein Körnchen Wahrheit. Denn die Künstler des Expressionismus, Kirchner, Pechstein, Heckel, Nolde, Dix, Grosz und viele weitere, lebten im Jetzt und die Wirklichkeit ihrer Zeit traf sie unvermindert in ihrem grellen Glanz und im Überfluss ihrer Neuheit. Otto Dix verschloss sich nicht, konnte sich nicht verschließen gegen den Trubel von Varieté und Berliner Gesellschaft, Frauen, die Männerkleider trugen und rauchten, der Krieg und seine Folgen, die seltsamen Blüten des Lebens, skandalös, doch neu, ein Zeichen für einen Wechsel und gerade deshalb anziehend und reizend.
Der Künstler selbst, wenn er sich in Worten ergehen wollte, würde dem Traditionellen antworten, die Wirklichkeit, die er im Kopf mit sich trage, die Idee, grün sei grün unter jedem Licht, die Vorstellung einer Realität, unabhängig vom Betrachter sei der größte Irrtum, dem man verfallen könnte.
Traditionelle Kunst, der Klassizismus, die Künstlerakademien, prägen eine Weltsicht, eine Deutung der Wirklichkeit und einen Stil der Darstellung. Dieser wiederum prägt die Wahrnehmung des Menschen, die sich an akademische, reglementierte Werke gewöhnen.
Doch frei von Auslegung und der Predigt äußerer Werte, wie wirkt die Welt? Die Antwort darauf gibt uns die freie Kunst. Das eigene Empfinden ist für den Künstler mit die sicherste Sache, die er erfahren kann. Das eigene Sehen und Hören, die eigene Auslegung der Welt ist es, die ihn begeistert und berührt, mitreißt und nährt, und diese innere Bewegung sucht er auszudrücken, indem er seinen Eindruck des Geschauten festhält. Dabei ist das Sehen und die Intensität des Eindrucks oft die Hälfte der Arbeit. Der Künstler muss sich klarwerden, was er sieht, nicht was er glaubt zu sehen, durch die Filter, die ihm Gesellschaft oder Schule aufgezogen haben, sondern das, was in ihm ankommt. Und ein wirklich begeisterndes Motiv ist nicht selten ein Symbol für das innere Empfinden. Darin ähnelt der Expressionismus vielen anderen Kunstrichtungen, deren Motivwahl tiefenpsychologisch, oder aber: romantisch begründet liegt, welche Außen und Innen in einem ständigen Dialog sehen, wie ein flüssiger Strom aus Bewußtsein, der auf einem Möbiusband von innen nach außen und wieder zurückkreist, immer so weiter.
Subjektive Erfahrung wird nicht durch Objektivität ersetzt, und obschon Objektivität im Umfeld der Wissenschaft notwendig ist, ein Kunstwerk ist immer ein inniger Dialog zwischen dem Künstler, der eine Sache erlebt und dem Erlebten selbst - und das Ergebnis berührt am ehesten, wenn man sich selbst in den Künstler denkt und keine Anstalten macht, von einem Kunstwerk objektive Exaktheit zu erwarten. Denn exakt ist expressionistische Kunst auf einer Weise, bei der jede anderes Mittel versagen würde. Die subjektive Erfahrung kann nicht ersetzt werden und alle Kunst, die aufrichtig ist, gesteht sich dies ein, denn aus dem unmittelbar Erlebten und Dargestellten strahlt eine ungezähmte Kraft, die dazu anspornen kann, seiner eigenen Erfahrung der Welt mehr Glauben zu schenken, als man es gemeinhin tut.

mugukamil Avatar
mugukamil:#12257

>>12256
> Die Feindseligkeit gegenüber aufrichtigem *künstlerischen Ausdruck

starburst1977 Avatar
starburst1977:#12258

>>12231
>Philosophisches, um das Thema zu vertiefen?
Bild relatiert :3

Ansonsten noch alles zum Thema Subjekt-Objekt-Dichotomie, wie >>12233 auch schon erwähnt hat.
Aus philosophischer Sicht würde ich dir empfehlen, mit dem Deutschen Idealismus zu beginnen, da dort das Thema eine zentrale Rolle spielt. Du kannst mit Fichte beginnen und dich von dort aus dann in die Gebiete/Philosophen, die dich interessieren, weiter einarbeiten. Die Problematik wird außerdem noch in der Philosophie des Geistes (Philosophy of mind) behandelt, aber zum Verständnis dessen ist es hilfreich, die entsprechenden Vorkenntnisse zu haben.

pdugan19 Avatar
pdugan19:#12259

>>12231
> Körper, Bett, Zimmer, Haus, Heimatstadt, Heimatland, Erde, Sonnensystem, Weltall. Die Grenzen zwischen diesen Schalen waren so fest aber nie und ich verhandelte sie stets neu.

Was ist dieses Ich, das diese Schalen geordnet hat? Natürlich bist du mittlerweile weiter und tiefer gedrungen in diesem Thema, aber genaugenommen ist ja das Sonnensystem oder die Galaxis nicht weiter von dir entfernt als dein Bett. Genaugenommen ist das Sonnensystem dir näher als dein Bett, wenn du nicht gerade drin liegst. :3 Denn wir sind ja ständig in dem Kreisen der Planeten und Himmelskörper enthalten, wir können sie zwar nicht ständig sehen, aber wir sind ein Teil davon. In gewisser Weise ist das Größte und das Kleinste schon in uns enthalten, wie es die Idealisten sehen. Eine ganze Welt, ja vielleicht DIE ganze Welt wäre nicht da oder nicht die selbe, wenn deine subjektive Erfahrung nicht Teil davon wäre.
Die Dinge sind alle miteinander verbunden, das Universum ist in deinem Zimmer genauso wie in deinem Kopf, und in deinem Kopf ist es möglicherweise wirklicher als auf der Straße, wo die Menschen kein Bewußtsein oder Interesse daran haben, sondern nur von der Arbeit in die Läden, dann ins Café und dann wieder nach Hause eilen.
Bewußtsein ist der Leim, der Innen und Außen zusammenfügt. Wenn dir bewußt ist, dass du ein Teil des Lebens bist, ein unersetzbarer Ausdruck davon, ein Teil des Universums, das doch eigentlich nicht geteilt werden kann, dann siehst du deine Rolle als Mensch vielleicht anders als noch zu Schulzeiten.
Es trennt dich nichts von der Größe des Lebens außer vielleicht die Konzepte der Gesellschaft, die versucht, unser Leben ins unbestimmte Irgendwann zu verschieben. Das Universum hat seine größte Wirklichkeit, sein Zuhause in dem Geist, dem es bewußt ist.