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Veröffentlicht am 2015-07-01 17:50:44 in /ph/

/ph/ 12336: Was ist Philosophie? Ist die Disziplin lebendig? Hat ...

enriquemmorgan Avatar
enriquemmorgan:#12336

Was ist Philosophie?
Ist die Disziplin lebendig?
Hat Philosophie noch eine Praxisrelevanz?

arashmanteghi Avatar
arashmanteghi:#12337

>>12336
Ob Philosophie Praxisrelevanz hat, ist, als würde man fragen, ob man tanzend einen Hundertmeterlauf gewinnen kann.

bouyghajden Avatar
bouyghajden:#12338

>>12337
Verstehe ich richtig, dass du findest, dass Philosophie nur ein formschöner, aber völlig nutzloser Tanz ist?

arashmanteghi Avatar
arashmanteghi:#12343

Philosophie ist die Kunst des Denkens. Nicht die Beschreibung und Erklärung dessen (Kognitionspsychologie), nicht die formale Anwendung von Regeln, die sich aus dem Denken ergeben (Logik, Mathematik), sondern das freie, spielerische, schaffende Überlegen. So betritt jeder Wissenschaftler, der selbstreflexiv seine Ergebnisse kritisch prüft, das Spielfeld der Philosophie.
Die Disziplin ist lebendig, da sie interdisziplinär und transakademisch verwoben ist, z.B. in der angewandten Ethik, wo durch das Leben selbst Fragestellungen aufgeworfen werden.
Ihre Praxisrelevanz gewinnt die Philosophie nicht nur aus diesen interdisziplinären und transakademischen Bereichen, wenngleich die Berufung von Ethikkommissionen in der Landwirtschaft bezüglich der moralischen Problematik des Kastenstandes ein anschauliches Beispiel darstellt. Viel eher gewinnt die Philosophie ihre Bedeutung durch die immanente Anweisung an das denkende Individuum. Manchmal übertrifft eine Erkenntnis den Horizont des Einzelnen und ist gesamt-gesellschaftlich ratgebend. Die Erkenntnis der asymmetrischen Machtverteilung von dichotomen Begriffspaaren wie Vater/Mutter, Geist/Materie und Himmel/Erde ist indes gesellschaftlich ratgebend, insofern es durch das Bewusstsein dieser unbewussten Priorisierung eines Begriffes den Benachteiligten aus seiner Unterprivilegiertheit helfen soll. Praktisch gesehen kann das in der Forderung einer Emanzipation der Geschlechter münden.

lisakey1986 Avatar
lisakey1986:#12352

>>12336
Philosophie ist vielleicht die einzige Sache, deren Inhalt wesentlich aus der Rechtfertigung ihrer selbst besteht.
Fragen wie die von OP sind bezeichnend, weil in unserer Gesellschaft jede Sache ihren Sinn durch ihren unmittelbaren Nutzen erhält.
Der Erwachsene überprüft, verantwortet, herrscht, unterscheidet, urteilt. Das Kind aber lacht, spielt, singt, tanzt und träumt. Die Philosophie ist eine kindliche Tugend, weil ihr Wesen das Spiel ist, doch sie kleidet sich allzu oft in graue Mäntel, spielt oft auf lächerliche Weise ernst oder verliert ihre Flexibilität dadurch, dass sie sich zu sehr an einen Nutzen verschenkt.
Die Philosophie gleicht, wie die anderen kindlichen Tugenden, dem Zauberer im Märchen vom gestiefelten Kater. Der Zauberer hat die Macht, sich in alles zu verwandeln, was er will, aber wenn er sich in eine Maus verwandelt, kann er leicht gefressen werden. Wenn die Philosophie sich für einen Zweck hergibt, verschwindet sie.
Sie kann alles betrachten und die Welt deuten, doch wie auch in der Mathematik schafft sie Probleme und Unterscheidungen, die es ohne sie nicht gegeben hätte. Sie teilt die Welt in Gegensätze, tütet alles ein in Begriffe und wundert sich darüber, wieso die Dinge nicht mehr natürlich miteinander interagieren - dabei ist dies nur der Effekt einer einseitigen Deutung.
Heidegger hatte sich tatsächlich die Aufgabe vorgesetzt, den Sinn von Sein ein für allemal zu klären. Was für ein Vorhaben! Wäre es ihm wirklich geglückt, hätte man die Philosophie abschaffen können. Aber die Fragen sind stärker als die Antworten. Die Fragen sind wie ewige Frequenzen und die Antworten ein unsteter Rhythmus, der manchmal gänzlich abbricht.
Doch ein Spiel schafft sich nicht selbst ab, nein, die Philosophie hält sich selbst am Leben und schafft immer neue Gedankenspiele und Traumspiele.
Die größten Beobachtungen und Entdeckungen der Weltgeschichte lassen sich zurückführen auf absichtslose Beobachtung, spielerisches Denken und insofern müheloses Tun. Aber was ist Philosophie wirklich? Ich muss nochmal drüber nachdenken.

greenbes Avatar
greenbes:#12381

>Was ist Philosophie?
Im Unterschied zum Lernen, welches sich auf gegebene Aspekte unserer Welt bezieht, ist das Philosophieren eine in die Zukunft gerichtete Disziplin. Der Philosoph (m/w) hat ein Problem im Hier und Jetzt und beginnt nun Dinge zu analysieren, um seine Lage zu verbessern. Nach einer Weile mag er ein Muster erkennen und hat erfolgreich etwas gelernt, also neue Informationen über seine Umwelt gewonnen.

Nun kann er Philosophie mit diesem Wissen betreiben und sich etwa nach den Ursachen dieses Musters' oder nach der Bedeutung im Weltbild, welche intuitiv ja schon verstanden wurde doch der Formpressung in eine Sprache bedarft, um sie anderen Menschen mitteilen zu können. Der Disput und Austausch ist nun das Lernen, wie es im allgemeinen assoziiert wird, das Lernen durch andere Menschen, die nicht Ich sind oder aus Literatur, die ich nicht geschrieben habe (oder mich zumindest nicht daran erinnern kann).

>Hat Philosophie noch eine Praxisrelevanz?
Die Praxisrelevanz der Philosophie setzt sich aus drei Faktoren zusammen: Wissen, Frage, Reaktion. Ein Philosoph, der nichts weiß, ist ein Narr. Eigentlich ist er nicht einmal lebensfähig aber ich habe mich wohl schon weit genug aus dem Fenster gelehnt. Konzentriert man sich auf das falsche Problem, so wird die Antwort darauf nicht hilfreich sein. Reaktion schließlich umschreibt hier den Wissensaustausch, als sprachliche Organisation und Aufbereitung durch das Philosophieren anderer Menschen. Zum Beispiel wird mein großes philosophisches Schaffen für mich nie praxisrelevanz haben, falls es nie zur Umsetzung von Schlussfolgerungen des Philosophierens in der Welt kommt, weil etwa niemand meine Texte ließt.

>Ist die Disziplin lebendig?
Diese Frage scheint mir am interessantesten. Philosophie kommt aus der Mode. Durch den Fortschritt der Wissenschaft ist es heute extrem schwer philosophische Modelle zu errichten, die nicht radikal im Widerspruch zu allem bisher analysierten stehen oder sonst irgendwo aus einem Wissensmangel des Philosophen herraus anecken. Hier möchte ich von Bernd lernen.

mactopus Avatar
mactopus:#12382

>>12381
Was du vorstellst, mutet an wie eine unwissenschaftliche Wissenschaft - Philosophie als Gerüst von Wissen, das doch eigentlich nur subjektive Einsicht genannt zu werden verdient. Philosophie steht aber nicht in Konkurrenz zur Wissenschaft, sie ist eher Bedingung derselben, und nur durch die Philosophie werden die Einzelleistungen der unterschiedlichen Wissenschaften wieder zusammengeführt, damit man sieht, dass die Teilgebiete keine jeweils anderen Welten, sondern Aspekte ein und desselben Ganzen behandeln. Philosophie zieht allgemeine Schlüsse und Vermutungen, untersucht strukturell und bezogen auf die Gesamtheit der Systeme, sie muss sich nicht gegen die Wissenschaft behaupten, sondern sie an die Fragen erinnern, die sie entstehen ließen und in Kraft setzten.

thomasgeisen Avatar
thomasgeisen:#12385

>>12382
Ganz recht. Wissenschaft kann viele Dinge erklären, indem sie Beziehungen aufzeigt. Diese Verhältnisse sind jedoch ohne einen Bezug auf die Umwelt bedeutungslos, zumindest solange dieser noch nicht gefunden wurde. Gute Beispiele kommen hier etwa aus der Mathematik, die viele Methoden entwickelte, lange bevor sie in der Praxis zum Einsatz kamen.

>Philosophie als Gerüst von Wissen
Das meinte ich mit
>Ein Philosoph, der nichts weiß, ist ein Narr.

Ein Mensch wird geboren und lernt. Mit der Zeit werden immer mehr Beziehungen zwischen den Dingen klar. Ein Stein ist schwer, Wasser ist nass, eine Frucht ist innen auch nass, viele Früchte sind schwer usw.
Haben sich entsprechend komplexe Beziehungen entwickelt, können diese ebenfalls Gegenstand der Betrachtung werden. Man reflektiert, geht in sich. Vorrausplanendes Denken ermöglicht uns nun Schlüsse aus diesen Mustern zu ziehen, die für zukünftige Betrachtungen relevant sind, also unser Weltbild, unsere Philosophie beeinflussen. Wir haben philosophiert.

Die feingliedrigen Disziplinen der Wissenschaft heut zu Tage verbindet z.T. tatsächlich nur noch die Philosophie. Ich sehe sie als eine Methode der Wissenschaft und weniger als eine eigene Disziplin, da sie nie völlig irrelevant ist und genau so selten das Maß aller Dinge.

agromov Avatar
agromov:#12386

>>12385
Wenn Philosophie eine Methode der Wissenschaft wäre, müsste sie allerdings in ihr ihren Ort haben, und das hat sie meiner Meinung nicht. Sie schaut auf die Wissenschaft von außen und hat das Privileg wissenschaftliche Praxis zu reflektieren, anstatt angewandt zu werden.

commoncentssss Avatar
commoncentssss:#12387

>>12386
>Sie schaut auf die Wissenschaft von außen und hat das Privileg wissenschaftliche Praxis zu reflektieren
Wenn sie das unwissenschaftlich tut, hört ihr aber auch keiner zu. ¯\°_o/¯

enjoythetau Avatar
enjoythetau:#12390

>>12387
Das denke ich eigentlich nicht. Die Philosophie wird aus anderen Gründen nicht gehört; niemand 'will' sie hören. Sie ist unbequem, während die Wissenschaft häufig wirtschaftlich profitable Ergebnisse vorweisen kann.

Zudem: nichtwissenschaftlich ist etwas anderes als unwissenschaftlich.

millinet Avatar
millinet:#12391

>>12390
>Die Philosophie wird aus anderen Gründen nicht gehört; niemand 'will' sie hören.
Ja, ungefähr so reden sich die Pädagogen an der Uni hier auch immer raus. Zwischen 'unbequem' und 'belanglos' besteht aber auch ein Unterschied, und 'belanglos' wird gern und viel praktiziert.

Ich kann auch auf die Straße scheißen und mich über Kritiker beschweren, weil sie mich unbequem finden und das nur, weil ich keine wirtschaftlich verwertbaren Ergebnisse erziele. Ist dann aber halt Strohmann. ¯\°_o/¯ Dieses untergeschobene Vorteil erlebe ich viel zu oft, wenn ich mit Geisteswissenschaftlern verkehre.

oscarowusu Avatar
oscarowusu:#12392

>>12391
Wenn es dir nur darum geht, pauschalisierend Geisteswissenschaftler und Naturwissenschaftler in die richtigen Schubladen zu stecken, bist du vielleicht auf einem Philosophie-Brett falsch aufgehoben. Statt zu pauschalisieren solltest du jedenfalls besser konkret mit deinen Pädagogik-Dozenten oder den Auf-die-Straße-Scheißern auseinandersetzen.

terryxlife Avatar
terryxlife:#12393

>>12392
Sieht aus wie der bequeme Weg, damit umzugehen - hast du das nicht gerade erst angekreidet? Nun handle mit meiner Scheiße.

Im Übrigen habe ich keine Dozenten, ich arbeite in der Forschung.

lightory Avatar
lightory:#12394

>>12393
Ich gehe trotzdem davon aus, dass du von Pädagogik-Dozenten sprichst.
Und wo habe ich was angekreidet? Elaboriere bitte.

aiiaiiaii Avatar
aiiaiiaii:#12395

>>12394
Tue ich nicht (nur); kacke, ne?

Du hast dich gerade über Bequemlichkeit echauffiert. Ich denke, du findest die Stelle noch. Die wahre Bequemlichkeit liegt jedoch darin zu denken, dass man nur so blöd da steht, weil man halt ein unbequemer Querschläger ist. Ist dem Schneeflockentum schon recht nahe.

alagoon Avatar
alagoon:#12396

>>12395
Du baust da gerade einen Strohmann auf, Bernd. Ich habe gesagt, dass die Philosophie häufig nicht gehört wird, da sie unbequem ist. Daraus folgt aber nicht, dass ich der Wissenschaft "Bequemlichkeit" vorwerfe.

xspirits Avatar
xspirits:#12398

Wer ist dann zu bequem um die ach-so-unbequeme Philosophie zu hören?

gojeanyn Avatar
gojeanyn:#12399

>>12398
Wir halten erstmal fest, dass das eine Überspitzung ist. Wir beide reden gerade über Philosophie, das heißt offensichtlich gibt es Menschen, die sie 'hören'.

Andererseits finde ich, dass sie bei der Steuerung konkreter gesellschaftlicher Vorgänge nicht ausschlaggebend ist - auch wenn sie sich durchaus 'zuständig' fühlen kann und elaborierte Meinungen zu diesen Vorgängen entwickelt hat.

Nehmen wir mal das Beispiel Altenpflege. Die philosophische Ethik würde vielleicht sagen, dass es starke Gründe dafür gibt, das Primat des Profits, der ökonomischen Selbstoptimierung zurückzufahren, um mehr Zeit und Muße für die Pflege der Alten (oder der Kinder) zur Verfügung zu haben. Das Problem ist: Diese Lösung widerspricht der Maxime von der Profitoptimierung und Selbstausbeutung. Deswegen wird sie nicht besonders oft gehört.

Die Wirtschaftlichkeit entscheidet übrigens auch natürlich darüber, ob einzelne Erkenntnisse der Wissenschaft gesellschaftlich bedeutsam werden, oder nicht. Aber wenn ein neues widerstandsfähiges Textil erfunden wird oder ein neues leistungsfähiges Saatgut steht die Chance nicht schlecht, dass dafür wirtschaftliches Interesse existiert.

chris_frees Avatar
chris_frees:#12401

>>12399
>Ist Philosophie noch wirtschaftlich?

Wenn etwas wirtschaftlich ist, dann produziert es einen Ertrag, den ich zu meinem Vorteil einsetzen kann. Wenn ich also die Philosophie einsetze, um mir einen Vorteil daraus zu erschaffen, so steht sie der Arbeit für Lohn und Brot in keiner Weise nach.

Nun ist es aber so, dass der Mensch abgelenkt ist. Früher musste er sich am Leben erhalten, nach der Ernte schauen oder Häusle bauen. Heute lässt man sich in der ohnehin knappen Freizeit von den Medien so ablenken und beeinflussen, dass sich Werte und Bedürfnisse verschieben. Aus eigener Erfahrung sprechend, will man plötlich nicht mehr die Welt verstehen, sondern ein neues Smartphone haben oder ein Computerspiel durchspielen. Die Philosophie verliert an Bedeutung und Nutzen für uns. Sie wird unwirtschaftlich.

Es bedarf einer Interessengemeinschaft, die sich durch ihre praktizierte Philosophie ausweißt und vor allen anderen Dingen das gestellte Problem untersucht. Auf diese Weise können individuelle Blockaden leichter überwunden und Wissen besser geteilt werden.

Die Philosophie zitiert so viel, wie sonst nur die Theologie. Es ist ein Fachgebiet mit großen Namen, deren Unkentniss schon einen Mangel der Allgemeinbildung darstellt. Dies ist in den Naturwissenschaften nicht anders. In den letzten Jahren aber hat sich die Technik so sprunghaft entwickelt, dass enorme Fortschritte bei der Analyse wissenschaftlicher Probleme verbucht werden konnten, während die Interpretation, also die Überlegung ob der Bedeutung des Fundes im vorhandenen Modell, immernoch durch langsamen ungenauen und nicht-exakten Menschen erledigt wird. Entsprechend langsam und unwirtschaftlich wird die Philosophie derzeit auch als Gruppenaktivität und Absatzmöglichkeit.

Zuletzt erzeugt das Dauerfeuer der Medien eine endlose Kette von Bedürfnissen, die uns heute so beschäftigt hält, dass wir keine Zeit mehr für die großen Fragen des Lebens finden oder sie als unwichtig und nicht der Überlegung wert abstempeln.

fritzronel Avatar
fritzronel:#12403

Danke für den interessanten Pfosten, Bernd.

Ich würde dir vielleicht zustimmen, dass die Philosophie wieder mehr Gehör finden sollte als früher. Aber ich würde diese Veränderung sicherlich nicht als Rückgewinnung einer verloren gegangenen 'Wirtschaftlichkeit' bezeichnen wollen. Nenn' mich paranoid, aber ich denke, dass solche Begriffe eine gewisse Sogkraft entfalten, da sie eine ganz bestimmte Sorte von Anschlusskommunikation ermutigen. Die Philosophie im Rahmen eines Wirtschaftlichkeitsdiskurses wiederzubeleben, wäre wahrscheinlich ziemlich fatal. (Ich schätze dich so ein, dass du das ohnehin nicht wolltest.)

Was du über die technische Entwicklung erzählst kommt mir ziemlich bekannt vor. Die fundamentalen Fragen des Lebens sind, wenn ich dich richtig verstehe, durch die neue Technologie verstellt, da die Menschen sie noch nicht angemessen in ihrer Bedeutung für das Leben interpretieren können.

Ich glaube, ich stimme dir zu, halte die Entwicklung jedoch für zweischneidig. Die neuen Technologien und Medien verhalten sich meiner Meinung zu den alten Medien und kommentieren diese. Das heißt die in der philosophischen - und naturwissenschaftlichen - Tradition bewahrten Diskurse werden in den digitalen Medien (Computerspiele, Bilderbretter - hier eben - usw.) sozusagen einem 'Text zweiter Ordnung' eingeschrieben, der ein Kommentar zu diesen Diskursen ist. Der Kommentar kann negativ aber auch affirmativ sein.

Denkst du, dass eine Fehlentwicklung flächendeckend in den neuen Medien stattfindet oder nur an bestimmten Orten? An welchen Situationen genau siehst du kulturell bedeutsame Urteile der philosophischen Tradition in Gefahr?

herrhaase Avatar
herrhaase:#12409

Ich verstehe nicht ganz, warum ihr immer wieder das Wort Philosophie fallen lasst. Klar, Rentnern geht's an vielen Orten kacke - aber da greift dann die philosophische Ethik? Ich würde da viel eher an die Moral der Bevölkerung appellieren oder Soziologen darauf ansetzen. Dass alt+arm=kacke, dafür braucht es keine philosophische Ethik. Dass man "nicht gehört wird", gilt da eher für betroffene Rentner und weniger für Philosophen.

>Früher musste er sich am Leben erhalten, nach der Ernte schauen oder Häusle bauen. Heute lässt man sich in der ohnehin knappen Freizeit von den Medien so ablenken und beeinflussen, dass sich Werte und Bedürfnisse verschieben. Aus eigener Erfahrung sprechend, will man plötlich nicht mehr die Welt verstehen, sondern ein neues Smartphone haben oder ein Computerspiel durchspielen. Die Philosophie verliert an Bedeutung und Nutzen für uns. Sie wird unwirtschaftlich.
Konsistiert nicht. Warum war Philosophie denn bedeutungsvoller/nützlicher/wirtschaftlicher, als wir Häuser per Hand bauten und unsere Zeit dafür aufwandten der Erde Weizen abzuringen?

dutchnadia Avatar
dutchnadia:#12410

>>12409
Philosophischer Rat wird soweit ich sehe auch nur bei ziemlich kontroversen und sehr komplexen Fragen eingeholt. Dann gibts immer einen Ethikbeirat. Das hat ja auch eine legitimierende Funktion, ist also sehr praktisch.

Ansonsten ist Philosophie vermutlich einfach nicht 'wirtschaftlich' geschweige denn 'nützlich' (in einem Allerweltsverständnis) genug.

Vermutlich ist der immer wieder aufflammende Katzenjammer, warum Philosophie keine 'gesellschaftliche Bedeutung' mehr hat so eine Art Phantomschmerz. So wie die Melancholie der Portugiesen.

karlkanall Avatar
karlkanall:#12411

>>12403
Man denke etwa an die alten Araber. Es galt damals als schicklich sich in Astronomie, Mathematik und anderen Wissenschaften zumindest grundlegend auszukennen und aktiv darüber zu philosophieren. Das Idealbild eines gebildeten und versierten Menschen war wohl ein ganz anderes, ganz zu schweigen von der sozialen Anerkennung.

Bernd wurde und wird für seine philosophischen Darlegungen immer belächelt oder, was fast noch schlimmer ist, die Menschen weichen ihm aus. Sie wollen solche Dinge nicht hören. Es stört sie wie eine Naht die immer wieder aufreißt, denn bei jeder neue philosophischen Eingebung (im Sinne von Informationsaufnahme), wird genau diese Naht umgenäht, um den neuen Erkenntnissen gerecht zu werden, um mehr Interpretationsraum zu schaffen. Sowohl die Verarbeitung, als auch das Ergebnis sind innerhalb des Philosophen.

Die allgegenwärtigen Medien reißen einen aus der Reflexion herraus und verhindern schon ab Kindestagen die Ausbildung des philosophischen Wissensdurstes. Wir sind audiovisuelle Stopfgänse und unser Futter schmeckt gut und macht süchtig.

>sozusagen einem 'Text zweiter Ordnung' eingeschrieben, der ein Kommentar zu diesen Diskursen ist
Bitte erläutere genau diesen Teil!

>>12409
>Zeit dafür aufwandten der Erde Weizen abzuringen
Du hast netürlich Recht. Meine Aussage implizierte fälschlicher Weise, die Menschen hätten früher mehr Freizeit gehabt, um sich mit Sinnes- und Bedeutungsfragen zu befassen. Vielmehr meinte ich jedoch das großkalibrigere Zeitempfinden, welches eben noch nicht von Terminen, Minutenzeiger und selbstausbeuterischen Idealen bestimmt war.

arashmanteghi Avatar
arashmanteghi:#12415

>>12411
>Bitte erläutere diesen Teil

Ich denke, dass die neuen Medien nicht notwendig etwas verstellen. Sie produzieren sogar einen Sinnüberschuss gegenüber den alten Medien, deswegen ist ja so kontrovers, was ihre angemessene Interpretation ist. Um 1800 wurde es für ziemlich schädlich gehalten, wenn Jugendliche Romane lesen. Die Argumentation war ungefähr dieselbe, wie sie heute oft gegen die neuen Medien vorgebracht wird.

Ich würde deswegen nicht so weit gehen, dass der 'Sinnüberschuss', den die neuen Medien produzieren, nur destruktiv oder negativ ist. Dann könnte der Mensch in ihnen tatsächlich nur nach finanziellen Interessen getaktet werden anstatt sich sorgfältig um sein Leben zu kümmern. Wenn ein Kind tagelang Call of Duty spielt, sehe ich das zum Beispiel ein. Wie sieht es aus, wenn ein Kind in ein intelligenteres Computerspiel versunken ist? (Bioshock, Pillars of Eternity oder ähnliches.) Was ist mit Facebook und Bilderbrettern - verstellen diese Medien nur Sinn, oder erschließen und bestätigen sie ihn vielleicht sogar? Geht die Bildungstradition in ihnen unter, oder wird sie aufbewahrt?

Ich gehe davon aus, dass die neuen Medien nicht in erster Linie das Leben verstellen, sondern dass sie es neu interpretieren und 'einordnen'. Das habe ich stark vereinfachend einen "Text zweiter Ordnung" genannt. Wenn du die überkommenen Modi des Seins (ja ich weiß, wieder so ein Wort) als 'Text' betrachtest, wird dieser Text in den neuen Medien oft zitiert - innerhalb eines neuen Kontextes, der die alten Modi kommentiert. Manchmal ist Kritik und Abweichung von der Tradition ja vielleicht gar nicht so schlecht, manchmal ist sie eher schädlich. Eine Technologiekritik á la Neil Postman ist häufig bloß warnend und beanstandend. Ich kann die Warnung nachvollziehen und finde, dass er ein paar Dinge auf den Punkt bringt. Aber könnte man nicht auch ein positiveres Verhältnis zur Technik entwickeln?

Abseits: Gerade fällt mir auf, dass Technik- und Medienphilosophie wahrscheinlich oft dasselbe sind.