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Veröffentlicht am 2015-08-10 16:20:59 in /ph/

/ph/ 12691: kommunikation

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jonesdigidesign:#12691

Kommunikation

Je mehr Klarheit über meine Lage herrscht, desto zielfühlender kann ich agieren.
Je unterschiedlicher der Wissenstand aller beteiligten Personen, desto größer der Grad der Verwirrung.
Je länger Fakten verschwiegen werden, desto verstrickter die Situation.
Es findet sich so manch unausgesprochene Regel in meinem Alltag wieder. Manche kosten mich Aufwand, Zeit oder Nerven. Viele sind mir egal. Über die meisten denke ich selten nach oder füge mich.
Jede Debatte basiert auf einer Grundlage . Was sich auf deren Metaebene befindet wird selten hinterfragt.
Wir agieren ausserdem häufig in einer bestimmten Funktion. Als Arzt, als Mitarbeiter, als Rebell, als Clown, als Troll, als Sonnenschein, als Opfer, als Passant. Jede Rolle stellt gewisse Teilaspekte in den Vordergrund. Manche Gegebenheiten werden als unwichtig, unangemessen angesehen, sie haben nicht zu Interessieren. Wir grenzen uns ab.
Diese Abgrenzung führt zu Unausgesprochenem.
Und Unausgesprochenes fördert Vorurteile, Ängste, Peinlichkeiten.
Je offener also die Faktenlage ist, desto klarer der Weg.
Je klarer kommuniziert wird, desto weniger unausgesprochene Halbwahrheiten.

Wie kommuniziere ich meine Bedürfnisse?
Was wünsche ich mir?
Bin ich wütend, enttäuscht, traurig, gelangweilt?
Habe ich Angst, Bedenken, Hoffnungen?
Ist mir etwas wichtig?
Was geht in mir gerade vor?
Was habe ich für ein Bedürfnis?
Habe ich etwas nicht verstanden?
Darf ich Ausreden?
Darf ich mich often äussern?
Fühle ich mich mit Wohlwollen behandelt?
Fällt es mir schwer über etwas zu sprechen?

alexradsby Avatar
alexradsby:#12692

Und wieder einer, der sich von der Öffentlichkeit sich selbst verfremden hat lassen. Tauche ab, ganz lang und ganz tief und der Rest geht von alleine.

kennyadr Avatar
kennyadr:#12693

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wahidanggara Avatar
wahidanggara:#12711

Ja, aber was sagt ihr zu dem Text?

georgedyjr Avatar
georgedyjr:#12715

>Darf ich Ausreden?
Das muss ich mit meiner Frau auch immer wieder diskutieren.

joynalrab Avatar
joynalrab:#12725

>>12711
Nett für einen ersten Versuch. Schöne Fragen. Es ist Frage der Anschauung, ob man Dinge nun allesamt bewußt machen sollte oder besser ein Bauchgefühl für den richtigen Ton entwickeln sollte.

orkuncaylar Avatar
orkuncaylar:#12742

>Und Unausgesprochenes fördert Vorurteile, Ängste, Peinlichkeiten.
Ich stimme OP zu und möchte noch ergänzen: umgekehrt geht es auch. "Unausgesprochenes vermeidet Vorurteile, Ängste, Peinlichkeiten." Wenn den Leute bei jedem Penner, an dem sie vorbeigehen, bewusst wäre, dass ihre Rolle Passant und dessen Rolle als Penner wahrscheinlich total zufällig und austauschbar ist, wäre das schließlich ein bisschen, hmmmm ... disfunktional. Wir brauchen Abgrenzung und Selektion, oder besser: glauben sie zu brauchen, um in unseren Rollenidentitäten funktionieren zu können. Als Passant, Arbeitnehmer oder Bürger. Wir ertragen die Nähe nicht. Die Nähe zerreißt alles.

anass_hassouni Avatar
anass_hassouni:#12743

>ihre Rolle Passant und dessen Rolle als Penner wahrscheinlich total zufällig und austauschbar ist
Klingt gerade nicht plausibel. Das Ich ist doch erst Resultat der Umstände, erwächst aus diesen. Das Passanten-Ich wäre unter Penner-Umständen nie in Existenz getreten, ebenso verkehrt. Jetzt, wo diese Ichs sich allerdings ausgeprägt haben, sind sie nicht mehr frei austauschbar; und tauschte man die Personen aus, so wäre es nicht unwahrscheinlich, dass beide nach einiger Zeit wieder in die alte Umgebung zurückfallen würden. Vor der Münzprägerei ist natürlich alles nur Kupferscheiben, aber jetzt sind sie gestanzt.

Sind wir verschiedener Meinung?

cat_audi Avatar
cat_audi:#12744

>>12743
Du hast jedenfalls Recht: Die Rollen sind nicht komplett zufällig und einfach so austauschbar, das war eine Übertreibung von mir. Der Penner hat Gründe dafür, dass er Penner ist, der Passant hat Gründe dafür, dass er jetzt da vorbeigehen will. Beide Identitäten haben ihre Geschichte. Was ich herausstellen wollte war bloß: Wir definieren uns und andere als Penner, Passanten usw., weil wir uns nicht mehr Komplexität erlauben können - oder vielmehr: glauben, uns nicht mehr Komplexität erlauben zu können. Natürlich ist ein Penner nicht gleich ein Penner. Ich hinterfrage das aber in der Regel nicht, wenn ich an ihm vorbeigehe. Ich bin auf eine gewisse "zivilisatorische Kälte" getrimmt, die ich zum Funktionieren brauche; so brutal das für mich und andere auch ist. Die Momente, in denen die Identitäten aufbrechen sind die interessantesten und belohnendsten. (Ich bin mir nicht sicher, ob das immer etwas mit "Kommunikation" zu tun hat; in der Kommunikation sind wir meistens auch ziemlich verbunkert. Aber möglich ist es.)

Beispiel vom großen Polt: https://youtu.be/ksoybVbfWjA

crhysdave Avatar
crhysdave:#12745

Ah, ich verstehe.

Allerdings muss ich bei Pennern nun tatsächlich sagen, dass mich das Aufbrechen und nähere Kennenlernen nur noch kälter gemacht hat. Ich habe einige Zeit lang für den Straßennotdienst (Ambulante Hilfe für Penner halt) und Essensausgabe gearbeitet, da kommt man auch mal ins Gespräch, auch mal länger. Habe überhaupt nur wenige getroffen, die mir Leid taten, bei vielen fasste ich mir viel mehr an den Kopf.

Aber gut, das ist jetzt eher eine persönliche Geschichte als eine philosophische Betrachtung. Im Endeffekt hat's meine "zivilisatorische Kälte" nur gestärkt - wenn ich jetzt Leute betteln sehe, prüfe ich immer zuerst das Wetter. In der Regel ist es gut, denn bei Regen stellt sich keiner für Biergeld raus.

a_harris88 Avatar
a_harris88:#12746

>>12745
Persönliche Geschichte, aber interessante Geschichte.