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Veröffentlicht am 2015-08-11 15:36:01 in /ph/

/ph/ 12702: Ich möchte mal Bernds grundsätzliches Problem...

pakhandrin Avatar
pakhandrin:#12702

Ich möchte mal Bernds grundsätzliches Problem umreißen.

Angenommen normalerweise rationalisieren Menschen den Grund für ihr Scheitern auf einfache Weise, bei Bernd ist die doppelt, beziehungsweise vierfach:

1) weist er eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit der Welt wie sie ist auf (politische, soziologische Dimension). Das generiert Sexismus, Xenophobie, Wut auf Politiker, Beamte und sonstige Machthaber; Zynismus, Apathie, Defätismus in allen Richtungen und Lagern.

2) spürt er eine eine Unzufriedenheit mit seiner Position in der Welt. (existentialistische, psychologische Dimension). Das generiert Msyoginie, Ausländerhass, Eifersucht, Neid auf reiche, erfolgreiche und/oder hübsche Menschen; Frustration, Depression, Traurigkeit in allen Richtungen und Lebenslagen.

Ich glaube nicht, daß es per se schlecht ist, eine oder mehrere der obgenannten Einstellungen (var.: Fühls) zu haben. Die Menge machts. Es ist sehr zerreißend, wenn man von beiden Postionen und Perspektiven in die Zange genommen wird.

Dazu kommt, daß Bernd zwischen drei weiteren Extremen oszilliert.

1) Er gibt anderen die Schuld für sein Versagen
2) Er gibt den Umständen die Schuld für sein Versagen
3) Er gibt sich selbst die Schuld für sein Versagen

Im Prinzip widersprechen sich die Standpunkte, aber Bernd schafft es sie in sich zu vereinen und zu einer giftigen Mischung gegen sich selbst einzusetzen.

Okeh, wollte nicht nerven. Vielleicht hat Bernd dadurch sogar den meisten Mitmenschen wenigstens auf moralischer oder ethischer Ebene etwas voraus, weil sein Handeln eine konsequentere Reaktion auf die Tatsachen ist. Aber man geht daran kaputt.

kimcool Avatar
kimcool:#12709

Bernd erlebt die Schattenseiten der menschlichen Obsession, des Denkens, besonders stark. Der Mensch denkt. Aber was bedeutet denken? Es bedeutet soviel wie Gegenstände zu bilden und sie zu untersuchen. Gegenstände, ob geistige oder körperliche, bildet man durch Definition, das heißt Abgrenzung oder Trennung vom Rest. Ein Gedanke ist ein geistiger Gegen-stand, das heißt, er steht gegen das eine Ganze.
Schon bemerkt? In verschiedenen Sprechen ist das Wort Denken und das Wort Ding miteinander verwandt: Denken - Ding, think - think und reor - res.
Wenn wir denken, machen wir Dinge, abgegrenzte Teile. Der Erklärung nach stammt auch das Wort Realität von res, vom Wort für Ding. Also ist Realität die Dinglichkeit.
Dinge und Gedanken sind Nomen, Ereignisse sind Verben. Wir glauben, unser Denken und unsere Sprache würde uns helfen, Probleme zu lösen, dabei kommen viele Probleme erst durch den Gebrauch von Sprache und Denken in unser Leben.
Kausale Erklärungen, Teilungen in Subjekt und Objekt, das sind allesamt Gedanken, das sind alles Worte. Ich trenne mich durch Worte vom Leben, durch Worte überzeuge ich mich davon, dass "Ich" nicht "der Andere" bin. Dass das Subjekt nicht das Objekt sein kann.
Bernd mag einerseits die Vorteile des zurückgezogenen Lebens genießen, aber er leidet eben so sehr an seiner Außenseiterrolle, weil das Denken sich gegen ihn wendet. Denken sollte helfen, stattdessen erzeugt es Strudel von niederschmetternden Gedanken. Gedanklich sind viele Leute noch von der gängigen Moral abhängig, weil sie irgendwie überall am Werk ist. Und manche Gedanken terrorisieren uns, wir glauben, wir würden uns selbst die Schuld geben durch unsere Gedanken, dabei sind es oft Worte von Eltern oder Bekannten, die immer wieder in uns hochkommen. Die ganzen Gedanken von Wertlosigkeit, Hass, Mutlosigkeit, irgendwie achten wir auf sie, weil wir glauben, das ist es, was uns ausmacht. Aber könnten sie nicht genausogut der Widerhall unserer Erziehung sein?
Ich würde sagen, Bernd ist ein Bernd, weil er zu sehr von seinem Über-Ich beeinflusst ist. Moral stellt er scheinbar in Frage, aber er ist gehemmt und niedergeschlagen, weil das Gewissen in ihm, die Stimmen der Personen, die ihn aufzogen und zu dem gemacht haben, was er ist, ihn mit ihren nutzlosen Wertsystemen bedrängen.
Er bräuchte eine mentale Ich-geb-keinen-Fick-Pille.

leandrovaranda Avatar
leandrovaranda:#12716

Daoxin: I ask for the Master’s compassion. Please instruct me on how to achieve release.

Sengcan: Is there someone who constrains [binds] you?

Daoxin: There is no such person.

Sengcan: Why then seek release when you are constrained by no one?

Upon hearing these words, Daoxin was enlightenend.

nelshd Avatar
nelshd:#12717

>Neid auf reiche

ayalacw Avatar
ayalacw:#12724

>>12716
Na, ist da jemand Daoist oder hat Bernd die Alan Watts-Vorlesungen über Zen und Dao angehört?

kosmar Avatar
kosmar:#12726

>>12724
Eigentlich weder noch. Daoxin und Zen haben trotzdem einige ziemlich kühle Dinge. Discordianer auch.