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Veröffentlicht am 2015-10-04 13:04:02 in /ph/

/ph/ 13042: ber die Legitimität eines maximalen Alters

zackeeler Avatar
zackeeler:#13042

In diesem Faden geht es um die in der angewandten Ethik aufgebrachten Frage, ob man gesellschaftlich ein maximales Lebensalter festsetzen kann, über das hinaus nicht gelebt werden darf. bzw. ob es moralisch verpflichtend ist, ab einem gewissen Zeitpunkt selbst der Gesellschaft zum Wohle den Freitod zu vollziehen. Der gesellschaftliche Hintergrund bilden Generationenkonflikt, Ressourcenmangel, ansteigende Lebenserwartung und steigende Kosten der Alterspflege.

Das politische Zeichen, das man mit seinem eigenen Freitod setzen könnte, wäre für Personen bestimmter Weltanschauungen ein positiver Nebeneffekt. An dieser Stelle sei auf die öffentlichen Selbstverbrennungen der tibetischen Mönche verwiesen, die so auf die politische Unterdrückung Tibets durch die chinesische Regierung aufmerksam machen wollen (Quelle: https://www.taz.de/!5095243/ ).
Der Kabarettist Georg Schramm hat im Programm Thomas Bernhard hätte geschossen in seiner Rolle als Lothar Dombrowksi einen Vorschlag für den Zeitpunkt unterbreitet: versicherungsmathematisch ist der Tag zu berechnen, an dem die eingezahlten Rentenbeiträge aufgebraucht sind, wann man „per Saldo mit der Gesellschaft quitt“ ist, um an jenem Tag sich sein Leben zu nehmen. Dem würde ich mich anschließen, da dieses Vorgehen meiner Ansicht nach mit der Tugendethik Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Wohlwollen und der Deontologie die Maxime ist zum allgemeinen Gesetze wandelbar und es entsteht ein Gefühl der Pflicht übereinstimmt.
Problematisch gestaltet sich das Verhältnis zum negativen Utilitarismus, weil die Bestimmung des Nutzenminimums, welches besagt, dass ein Nutzen oberhalb eines Minimums erst moralisch relevant wird, wenn das Minimum von allen Personen erreicht ist, sich hier als schwierig erweist. Jedoch kann die Nutzenschwelle gewährleistet werden, dass niemand unterhalb einer gewissen Schwelle schlechter gestellt werden darf, um einen anderen oberhalb der Schwelle besser zu stellen.

Ejakuliert eure geistigen Ergüsse.

gojeanyn Avatar
gojeanyn:#13044

Ääääh, "den Freitod vollziehen" geht in Deutschland schlecht - man kommt vmtl nicht an humanes Gift. Und wie ein blutiges Loch in der Brust auf den gemeinen Deutschen wirkt, weiß ich nicht - bin aber dagegen, das auszuprobieren. Es dürfte irgendwo schon Informationen dazu geben.

mr_arcadio Avatar
mr_arcadio:#13045

*überleg* Bettlägrigkeit und nicht richtig wirkende böse Medikamentenkombination wäre evtl noch böser - Hypnotikum und passende Eingabe wäre stattdessen bei Schmerzlosigkeit noch 'ne Idee - aber da dürften Wechselwirkungen zwischen den Medikamenten sein. Wenn man Glück hat, hat man noch einen Trigger, von 'ner OP, oder so. Damit ginge das freundlich.

atariboy Avatar
atariboy:#13048

>>13045
>>13044

Geh bitte wieder heim, Neu-Randombernd

horaciobella Avatar
horaciobella:#13050

Unter der Anschauung, dass Nutzlose die Gesellschaft nicht belasten sollten, müssten wir dann auch anfangen Behinderte und Penner hinzurichten. Die ganze Richtung, in die dies führt, ist grundlegend lebensverachtend; beziehungsweise misst sie das Leben an in Profit umgewandelte Nützlichkeit.

Da ich aber grundlegend die Kapitalschuchteley für einen Irrweg halte - einen sehr produktiven zwar - ist das wider meiner Gesinnung.

jqueryalmeida Avatar
jqueryalmeida:#13052

>>13050
Es wird idR teur sehr viel Müll produziert und an Lager gelegt.

ah_lice Avatar
ah_lice:#13053

>>13052
auch gut: 'die, die die und die Zeitschrift hat man da zu haben' (Supermarkt, Kiosk, etc) - das sind dann deren ungefähr Verkaufszahlen. Ob die sich einer holt oder nicht, fällt in den Zahlen beim Verleger nicht auf.

otozk Avatar
otozk:#13054

>>13052
Verstehe die Relevanz nicht. Habe mich im Grunde selbst dagegen ausgesprochen, sehe deinen Post jedoch als Kritik an einer Für-Sprache oder als eine Aufwand auf eine Frage, die niemand gestellt hat.

Na ja, dessen ungeachtet und dem Diskurs zuliebe:

Stimmt so und ist ein berechtigter Einwand. Das Problem, das es für die Wirtschaft im Allgemeinen zu geben scheint, ist, ob man mit einer Überversorgung oder einer Unterversorgung kämpfen will. Als Bürger ist es natürlich angenehmer, wenn die Ware durch den Überschuss etwas teurer ist; oder zumindest ziehen dies viele dem Umstand vor seine Knöpfe gegen Schnürsenkel beim Nachbarn tauschen zu müssen.

Oder gibt es ein Beispiel für eine Planwirtschaft, die auch nur einigermaßen aufgegangen ist?

bnquoctoan Avatar
bnquoctoan:#13055

>>13054
Nachtrag: Im kommenden Informationszeitalter könnte eine Planwirtschaft natürlich durch persönliche Bedarfsangaben via Internet relativ leicht umgesetzt werden.

orkuncaylar Avatar
orkuncaylar:#13056

>wann man „per Saldo mit der Gesellschaft quitt“
Heisst, extrem Reiche würden mit entsprechender Gesundheit-/smitteln ewig alt werden, während Normalbürger nur 70 wird? Was ist mit Harzern? Langzeitstudenten? Kranke, die nicht arbeiten können? Da fließen zu viele Faktoren mit ein, dass es, selbst bei Akzeptanz der Unmoralischkeit, kaum zu bewältigen wäre (abgesehen vom Mob, der Täglich auf die Straße geht, um dagegen, wohl auch gewaltvoll, zu demonstrieren.

jodytaggart Avatar
jodytaggart:#13057

Erinnert mich ein wenig an Platon, der ja einfach alle Kinder einsacken und vom Staat erziehen lassen wollte.

Halt wirklich weltfremde Ideen, die nichts mit unser Spezies zu tun haben, aber so könnte ein Uhrwerk funktionieren.

wahidanggara Avatar
wahidanggara:#13058

>>13050
Nicht hinrichten, aber verhindern. Das ist eine typische Aufgabe einer Gesellschaft. Wo soll das lebensverachtend sein? Nicht der erzeugte Profit steht im Zentrum eines Lebens, sondern das Leben mit seinen intrinsisch erlebbaren Werten - wie Liebe, Gerechtigkeit, Kunst. Daran "messe" ich ein Menschenleben. Ein Mensch, der das bewusst nicht fördern will, ist für mich gegenüber einem Menschen, der diese Werte fördern will, minderwertig.

>>13056
Lange zu leben bedeutet unweigerlich mehr Ressourcen zu verschwenden. Je geringer der gesellschaftliche Beitrag sei, desto weniger bestehe ein Anspruch auf die Ressourcen ─ dieses Credo, das sich auf unser Gehalt auswirkt, kann sich so mit derselben Berechtigung auf unser Lebensalter auswirken.
Extrem Reiche gilt es natürlich zu vermeiden, schließlich strebe ich eine friedliche Gesellschaft an. Das gilt es an anderer Stelle zu arbeiten, um diese Ungerechtigkeit zu beseitigen. Jedoch sehe ich hier eine gewisse Differenz trotz meiner eher kommunistischen Meinung für gerechtfertigt.

>>13057
Bis auf einer philosophischen Anekdote lieferst du keinen Mehrwert. Elaboriere und Argumentiere, Bernd!
Der Mensch ist ein Gewohnheitstier - weder per se egoistisch, noch altruistisch. Mittels seiner adaptiven Fähigkeiten kann er sich auch an das Modell der Lebensgrenze gewöhnen.

leelkennedy Avatar
leelkennedy:#13059

>>13058
>Liebe, Gerechtigkeit, Kunst
>Berechtigung auf unser Lebensalter
Du bist nach deiner eigenen Definition minderwertig. Merkste selber, ne?

jitachi Avatar
jitachi:#13060

>>13042
Lustig, OP nimmt eine Idee Georg Schramms, die als Persiflage auf bürokratisiertes Leben gilt, und macht sich ernsthaft die Mühe, sie als nützliche Neuerung zu durchdenken.
So wie dir, OP, der parodistische Kern von Schramms Idee entgangen ist, hast du auch nicht abgewogen, dass unsere Kultur, obwohl sie kapitalistisch ausgerichtet ist, schon christliche Ideale kennt, bei denen Liebe nichts ist, mit dem man sich profiliert, sondern Akzeptanz und Toleranz mit einschließt.
Dein Modell basiert auf einem Scherz, das ist dein Fehler. Den Scherz hast du für ernst genommen (so wie sie damals Marx ernst genommen haben) und darum ist dein Modell spröde wie dein Geist, soll heißen: nicht lebenswert.

jeremyworboys Avatar
jeremyworboys:#13061

>>13059
>>13060
Nun lasset mich den Zeitpunkt korrigieren, die Idee bleibt doch bestehen! So muss ein variabler, im Idealfall intrinsisch aufgebrachter Moment entstehen, wo bemerkt wird, dass der Zerfall unweigerlich fortschreitet.

Selbst diesen Punkt findet man bei Schramm im Programm Meister Yodas Ende, wo er wieder als Dombrowski jene Person als mutig bezeichnet, der selbst den Zeitpunkt seines eigenen Todes wählt, wenn er frühe Symptome der Demenz bei sich bemerkt. Das Vorhaben könne jedoch all zu oft am zu langem Zögern scheitern, worauf hin die Autonomie des Menschen durch den Eintritt des Pflegefalls hinfällig wird und der selbst durchgeführte Tod nicht mehr ohne Hilfe vollzogen werden kann.

Vor allem die Aufklärung, die mythisch-religiöse Ideologien zu Gunsten einem naturwissenschaftlich-technischen Paradigma verdrängt hat, prägte eine rationalen Sicht der Welt und auch des Todes. Als eine Folge dieser Tradition sehe ich meinen Vorschlag. In einer wohlgebildeten Gesellschaft, die nicht auf egoistischen Individualismus baut, kann der ewige Mythos der Poesie, nämlich jung zu sterben, auferstehen gleich dem Phönix aus der Asche.

aleclarsoniv Avatar
aleclarsoniv:#13062

>>13061
Mit Fetischismus und Obsessionen erlaubt er explizite Kritik an bestehenden Verhältnissen zu entwickeln und das Brüchige der Gegenwart als Erfahrung radikaler Kontingenz zu zerreden. Entstehungszusammenhang des hochsuggestiven Beitrags ist die Unmittelbarkeit jeder Identitätszuschreibung.

trueblood_33 Avatar
trueblood_33:#13063

>>13061
> mutig bezeichnet, der selbst den Zeitpunkt seines eigenen Todes wählt

Sinngemäß schrob Nietzsche sowas auch schon, im Zarathustra.