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Veröffentlicht am 2015-11-13 06:02:10 in /ph/

/ph/ 13273: Sind Nihilisten anwesend? Was führte dich zu dies...

haydn_woods Avatar
haydn_woods:#13273

Sind Nihilisten anwesend?
Was führte dich zu dieser Philosophie?
Wie praktizierst du sie?
Bist du glücklich?
Was hast du durch diese Philosophie gelernt?
>InBeeVier Pubertät
>InBeeVier kantig
>InBeeVier Bernd kann nicht InBeeVier

Ich frage aus objektivem Interesse.

Wenn du ein Vertreter einer anderen Schule oder anderen Schulen bist; Wie lautet deine Kritik am Nihilismus?

antongenkin Avatar
antongenkin:#13274

Ich bin immer etwas verwirrt, wenn es um Nihilismus geht. Vielleicht kann Bernd mir ja helfen.

Im Prinzip ist Nihilismus doch nur die Annahme, dass keine objektiven Wertsysteme existieren, es kein absolutes "Gut" gibt. Ja, manchmal wird das Wort auch für die Launen von Rebellen gebraucht, aber im Eigentlichen ist es doch die Ablehnung objektiver "guter/richtiger" Systeme, nicht?

Das wiederum wäre aber kaum ein Widerspruch zu anderen Schulen. Ich kann mir keinen Nihilisten vorstellen, der nicht trotzdem subjektive Werte hat - spätestens bei den körperlichen Bedürfnissen oder aber auch schon der Individualität werden diese greifen.

Nicht zuletzt aber sind die "anderen Schulen" doch in der Regel keine solchen, die ihre Gedanken als "von Gott gegeben" betrachten, sondern solche, die ihre Systeme durch individuelle "Forschung" fanden.

Insofern ist Nihilismus für mich nicht der Widerspruch zu einem Leben mit Werten; er ist viel mehr die Grundlage für eine (wenngleich optionale) differenzierte Auseinandersetzung mit Werten, da er ihre Natur offenbart.

cheezonbread Avatar
cheezonbread:#13275

>>13273
Nihilismus wird gerne mit Nietzsche in Verbindung gebracht, dabei wird vergessen, dass er selbst keiner war und wenn es einen nihilistischen Zug in seinem Denken gibt, dann muss man ihn im Kontext begreifen. Im Zarathustra lesen wir zu Anfang von den drei Verwandlungen, welche die innere Entwicklung eines suchenden und wachsenden Geistes nachzeichnen: das Ertragen, das Aufnehmen von Lasten und Lehren, verkörpert in der ersten Verwandlung, der Verwandlung zum Kamel, gefolgt von der Anfechtung der Lehren, dem Abwerfen und dem Zerfleischen all der fremden Werte, der Verwandlung zum Löwen.
Viele verwandeln sich in ihrem Leben gar nicht. Von denen sind es nur einige, die die erste Verwandlung durchmachen. Von diesen wiederum ist es nur ein Bruchteil, welche die zweite Verwandlung erleben. Und von diesen wieder ist es ein verschwindend geringer Bruchteil, der die letzte Verwandlung erlebt, die Verwandlung zum Kinde, das Schaffen neuer Werte, einer aufrichtigen, eigenen und aus dem eigenen, geklärten Herzen geborenen Philosophie, die mit Bejahung und großer Gesundheit die Fülle des Lebens anzunehmen versteht.
Nihilisten nun sind nach diesem gedanklichen Bild alle jene, die nach der Verwandlung zum Löwen versanden, versumpfen, im Stillstand einsinken. Diese Menschen haben erfolgreich die Lasten der kulturellen, elterlichen und autoritären Beeinflussung zerrissen, abgeworfen und nach Gehalt und Nutzen durchwühlt und zerfleischt, aber sie verbleiben im Kriegsmodus, können nur Werte zersetzen, aber verstehen nicht, dass sie damit unfertig sind. Wer an dieser Stelle aufgibt, die Kraft verliert und meint, weil alles, was an Lehre und Weisheit existiert, abgelehnt und zersetzt werden könne, sei es unsinnig, für sich selbst eine neue, vitale Bestimmung des Lebens zu nähren, der ist Nihilist.

Ich habe mich selbst nie als Nihilist empfunden, und wenn ich Phasen hatte und immer wieder habe, in denen mir alles bedeutungslos erscheint, weiß ich doch mittlerweile, dass diese Phasen immer wieder Aufforderungen dazu sind, sich dafür einzusetzen, eigene Werte zu fördern und den Blick auf den Horizont der großen Gesundheit zu richten, die darin besteht, das Leben nicht mit den Vorzeichen von Mangel, sondern vom Standpunkt der Freiheit, der Überfülle und der Lebenslust aus zu deuten.

alek_djuric Avatar
alek_djuric:#13277

Wer damals den Lesezirkel auf /l/ verfolgt hat, wird das Buch "Nichts" von Janne Teller kennen, zwar ein Buch für Kinder und Jugendliche, aber kaum eines beschreibt so gut verständlich, was es mit dem Nihilismus auf sich hat. Die Geschichte handelt von einem Schüler, der verkündet, alles sei bedeutungslos und seiner Schulklasse, die versucht, ihn zu widerlegen - mit interessanter Wendung.
OP sollte es sich mal zulegen, es ist unterhaltsam und kann gut in einem Rutsch durchgelesen werden.

RussellBishop Avatar
RussellBishop:#13278

>>13275
Diese Annahme eines festen geistigen Entwicklungszyklus wirkt immer außerordentlich putzig; ein bisschen wie in einem RPG, in dem man seine Klasse upgraded. Auch unter Annahme eines modellhaften Charakters dieser Darstellung ist sie immer noch sehr fern vom Menschen.