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Veröffentlicht am 2015-11-21 01:37:32 in /ph/

/ph/ 13302: Das wichtigste im Leben und das Streben nach...

mactopus Avatar
mactopus:#13302

Bernd, was sind die höchsten oder wichtigsten Sachen, nach denen du strebst, oder man streben sollte, und was ist das wichtigste im Leben?
Es gibt vieles das sich anbietet: Geld, Spirituelle Erleuchtung, mit möglichst vielen Hurren schlafen, andere Leute verprügeln, eine Firma hochziehen, sich um seine Kinder kümmern, gesund bleiben... was ist es bei dir?
Oder "lebst" du einfach vor dich hin, und bist du dabei glücklich?

naupintos Avatar
naupintos:#13304

>Oder "lebst" du einfach vor dich hin, und bist du dabei glücklich?
Dies hier. Jede andere Zielsetzung finde ich auch nachteilig, weil selbst-freiheitsbeschränkend, quasi. Und in Ketten liegt man ja schon genug.

Bin auch gar nicht verlottert oder so dadurch, läuft eigentlich alles.

hibrahimsafak Avatar
hibrahimsafak:#13305

>>13304
Dies. Einfach vor sich hin leben gilt oft als Nachlässigkeit, aber wie Bernd schreibt, die anderen Zielsetzungen beschränken die Freiheit und vernebeln den Geist durch Ideale, die niemals erreicht werden können, sondern die sich wie der Horizont bei jeder Näherung entziehen.
Vor sich hin zu leben, heißt, sich mit dem befassen, was wirklich der Fall ist: die Erfahrung des Moments, abseits von Sorgen an ein Irgendwann.

mauriolg Avatar
mauriolg:#13312

Ich sehe das etwas anders.
Natürlich kann man sich als Philosoph das Leben leicht machen, einfach über Dinge nachdenken und sonst keinen Finger rühren. Aber ist das wirklich die Erfüllung? Ich denke jeder Mensch hat gewisse Reibungspunkte in seinem Leben, und wird, mal hier mal da, auf Situationen stoßen. Es gibt aber Möglichkeiten voher sein Leben zu Formen auf eine Art, dass man möglichst unabhängig von Anderen ist, praktisch autark. Das kann man zum Beispiel machen, indem man ein kleines (!) Stück Land kauft und sich versucht selbst zu versorgen, ganz ohne verschuldet zu sein, oder unmittelbar von den Einkünften eines Jobs abhängig zu sein. Man könnte auch eine Firma gründen, und so versuchen sich ein sicheres finanzielles Polster aufzubauen, und die Vorteile für Unternehmer auszunutzen. Das ist ein Schritt nach Vorn, denn in unserer Gesellschaft steht der Arbeitnehmer an Letzter Stelle, dann kommt der Unternehmer, und dann das Finanzsystem. Mir ist schon klar, dass Kleinunternehmer gepiesakt werden, darum sollte man sich gut überlegen auf was man sich einlässt.

Alles in allem ist meiner Meinung nach Zurfriedenheit durch TUN erreichbar, denn kaum einer ist mit Demütigungen oder einer Abwärtsspirale zufrieden, darum muss man gegensteuern, wenn sich etwas schlechtes anbahnt, oder eben gerade sein Leben in die richtige Bahn lenken.

lisakey1986 Avatar
lisakey1986:#13313

>>13312
Aber Abhängigkeiten sind, egal wie sehr du nach Autarkie strebst, in diesem Leben unvermeidbar. Du bist auf anderen Menschen angewiesen, du bist darauf angewiesen, dass das Wetter nicht dein kleines Häuschen verwüstet und so weiter.
Ich weiß, dass es eine beliebte Vorstellung ist, sich ein kleines Stück Land zu kaufen und dort unabhängig zu leben. Wenn man diesen Weg wählt, hat das natürlich auch zur Folge, dass die Tage mitunter strapaziös werden können, weil alles, was anliegt, von deiner Hand erledigt werden muss. Wenn mitten im Winter dein Dach ein Loch hat, musst du zuerst dort reparieren und wenn du allein bist, fehlt dir dann die Zeit, die restlichen Baustellen zu bearbeiten.
Und die Sache mit dem Haus kann man auch als Analogie sehen: Autarkie ist auch nur ein Ideal, in dessen Richtung man sich bewegen kann. Möglicherweise, wenn du nicht der einzige wärst mit diesem vereinzelten Landleben, könnte es der Beginn einer neuen Kultur sein, aber so ist es nur ein Bild von Weltflucht, in dem die Abneigung gegen Menschen ausgelebt werden kann.

Wahrscheinlich sind wir einfach zwei Vertreter von gegensätzlichen Ansichten. Ich denke nämlich, dass Zufriedenheit nicht durch Tun, sondern nur durch Denken möglich wird. Selbst wenn jedes Tun und jedes Handeln durch Umstände unmöglich gemacht worden ist, die Gedanken sind frei. Und geistige Übung kann den Menschen selbst in extremsten Zeiten die Fassung bewahren lassen.
Eine Möglichkeit ist es, für alles selbst zu sorgen, also durch Tun zur Zufriedenheit zu gelangen.
Die andere Seite ist, die Umstände zu akzeptieren, Gelassenheit zu bewahren dort, wo man nichts tun kann und sich in einer stillen Stunde darauf zu besinnen, dass die Lebenssituation eigentlich zweitrangig ist für einen Menschen, der in seinem Geist lebt.

jodytaggart Avatar
jodytaggart:#13314

Ein Gegensatzpaar zwischen Denken und Handeln aufzumachen scheint sehr abstrus. Das Denken beeinflusst die Aktion, die Reaktion wiederum das Denken durch Erfahrung.

Gewissermaßen sucht ihr beide euch abzukapseln; der eine auf einem Hektar Land, der andere in seinem Geiste. Gleichzeitig seid ihr wahrscheinlich beide verwurzelter Teil unserer Gesellschaft; allein schon durch mediale Partizipation und technologische Anteilnahme. Ich zweifle daran, dass ihr auf einem Hektar Land / in eurem Geist bereits völlig glücklich wärt. Denn wenn alles abgeschottet ist - was macht man dann? Vielleicht interpretiere ich euch da aber auch zu absolut.

"Vor sich hinleben" ist keine Resignation, sondern kann eben das "wichtigste im Leben" sein. Und diese gleichmütige Glücklichkeit muss auch nicht die Abwesenheit von Handlung oder gar Resignation bedeuten. Es ist Gleichmut, nicht Gleichgültigkeit - nicht das rhythmische Schulterzucken, sondern das Bewahren von Stand in allen Wettern.

Man muss kein magisches Lebensziel haben, um handlungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig ist aber auch wohl möglich, dass eben dies das magische Lebensziel ist: Klar sehen, ruhig schlafen.