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Veröffentlicht am 2016-08-28 09:29:55 in /ph/

/ph/ 14560: Autorität

stevenfabre Avatar
stevenfabre:#14560

Wie entsteht Autorität, Bernd?
Zum Einstieg erstmal folgender Gedankengang: Autorität soll als die Chance verstanden werden, andere gemäß dem eigenen Willen handeln zu lassen.
Wie entsteht diese Bereitschaft, gemäß einem anderen Willen zu handeln?
Klassischerweise würde man annehmen: Autorität entsteht durch Wissen. Also: Wissen über die Dinge verleiht Autorität. Weil der Bäckermeister versteht, wie man Brötchen backt, gehorchen ihm die Lehrlinge.
Foucault hat das ganze dann umgedreht, für ihn bestimmt 'Macht' das Wissen; also das, was wahr ist, bestimmt der, der Macht hat. Weil der Bäckermeister die Macht hat, hat er auch die Autorität, zu sagen, wie man Brötchen backt. Vielleicht wissen das einige Lehrlinge aber viel besser. Der Faktor 'Wissen' ist neutralisiert.
Ich halte das aber für eine sehr selektive Wahrnehmung, denn wenn der mächtigste Mann der Welt sich zu lange vor einen roten Würfel stellt und sagt, er sei blau, wird seine Autorität rasch leiden. Man kann das auch in Schulklassen beobachten: Wenn der Lehrer keine Ahnung vom Stoff hat, hat er auch schnell keine Autorität mehr. Umgekehrt geht natürlich 'Autorität' auch nicht ganz in Wissen auf (kann man auch in Schulklassen beobachten), sondern es gehört noch etwas mehr dazu. Vertrauen wahrscheinlich - oder jedenfalls das Gefühl, irgendeine Art von Gratifikation zu erhalten, wenn man dem Willen des Autoritätsinhabers folgt? Was meint ihr? (Hängt euch nicht zu sehr am Schulbeispiel auf, das ist eben nur ein Beispiel.)

turkutuuli Avatar
turkutuuli:#14561

Dass es sich um ein breites Feld handelt, in dem alle beobachteten Effekte und noch weitere auftreten, je nachdem, wie stark man an den Stellschrauben von Wissen, Macht und Charisma dreht.

strikewan Avatar
strikewan:#14562

>>14561
Mein Eindruck ist, dass es heute sehr viele Autoritätskrisen gibt und das könnte an einem anderen Status des Wissens hängen: da Wissen heute immer weniger konsensuell und vor allem exklusiv ist, wird auch Autorität unwahrscheinlicher. Jedenfalls kann doch viel Wissen einfach gegurgelt werden und dazu kommt, dass es rasch verfällt, also bald schon wieder überholt sein kann.
Außerdem steht die Autorität unter viel stärkerer Beobachtung als früher; dadurch wird widersprüchliches Handeln öffentlich (Operationen, die gegen eigene Direktiven verstoßen) und Autorität verfällt nochmals rascher.

aadesh Avatar
aadesh:#14563

Es fängt mit dem Konsens an, dass Jedermann Jedermann auf Augenhöhen gegenübegestellt sein soll. Demokratie untergäbt und soziale Gleichstellung untegräbt wesentlich die Autorität als Lebensgefühl. Automatische Autorität ist außerhalb der archaischen Familie am ehesten noch im Staat und den zugehörigen Einrichtungen zu finden, womit ich neben Polizei, Verwaltung uswusf. auch das Gesetz meine und insbesondere Geldangelegenheiten, die immer eingebunden sind im Gesetz und so auf Staatskraft stehen. Bezugspunkt der Autoriät ist der Zwang, die Macht. Im Arbeitsverhältnis ist der Boss Boss, weil er dich durch Kontrakt bindet und du, sofern du Geld haben willst, hörig sein musst. Bildlich dargestellt: In der einen Hand das Zuckerbrot, in der anderen Hand die Peitsche. Deutlich ist der Zwang, wenn der Jobverlust Hunger- oder Efrierungstod bedeutet. Deutlich ist der Zwang, wenn der Jobverlust Armut bedeutet. Heute ist weniger der Tod das Druckmittel im Jobverlust, als der Verlust von Luxus, der ähnlich wirkt. Zwang und Wissen liegen diametral zueinander. Je höher der ausgeübte Machtdruck, desto unrelevanter das Wissen des Zwingenden, das heißt: je abhängiger der Gezwungene, desto eher beugt er sich vor der Dummheit. Im Moment des Zwangverlusts veschwindet die automatische Autorität und die größte Rolle nehmen nun die Befähigung und das Soziale ein.
Zum Lehrerbeispiel: Zwar können die Schüler, deren Lehrer vom Fach keine Ahnung hat, den Lehrer als Autorität seines Faches verleugnen, solange er aber die Macht hat, Noten zu vergeben und der Druck, Noten zu bekommen, ausreichend hoch ist, müssen die Schüler sich ihm ergeben. Einziges Mittel bleibt, den Lehrer der Vergabemacht zu entheben, etwa durch Mord oder eben zum Direktor gehen und den offiziellen Weg einschlagen. So hat >>14562 mit dem Internet insofern recht, als dass es sehr leicht geworden ist, exzessiven Zwang und überbordende Autoritätsverwendung öffentlich und wirksam anzuprangern und den Fiesling so der Macht und der Autorität zu entheben. Siehe Rassismusvorwürfe in Amerika, mit denen Autoritäten ausgehebelt werden, die ihre Macht nicht einmal Missbraucht haben.

bluesix Avatar
bluesix:#14564

>Im Moment des Zwangverlusts veschwindet die automatische Autorität und die größte Rolle nehmen nun die Befähigung und das Soziale ein.

Das gefällt mir, Bernd!
In dem Moment, in dem die automatische Autorität (Autorität durch Abhängigkeit/Zwang) verschwindet, wird sie also zu einer 'konsensuellen' Autorität (vielleicht "substantielle Autorität"), die sozusagen Vertragscharakter hat. Dadurch werden dann wieder Fragen der Gerechtigkeit wichtig, die stets neu geklärt werden müssen.