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Veröffentlicht am 2014-11-29 10:43:11 in /r/

/r/ 2229: Komik und Christentum

smaczny Avatar
smaczny:#2229

Eine populäre Meinung ist, dass beides nicht gut zusammengeht. Das Lachen war bis weit ins Mittelalter verpönt. Immer wieder mal erlaubt - zum Beispiel als karnevaleskes Lachen, das homöopathisch dosiert den Stimmungshaushalt des Menschen auf Vordermann bringen kann. Aber insgesamt erfuhr das Gelächter Geringschätzung; es war dem gebotenen Ernst angesichts der frohen Kunde des Christentums unangemessen. Bild relatiert, der Film fängt diesen Geist ganz gut ein, finde ich. Mich würde mal interessieren, ob ihr Gegenbeispiele kennt, wo Christentum und Komisches gut zusammengehen. Mir fallen schonmal Franz Grillparzer und Jeremias Gotthelf ein, aber das sind schon moderne Beispiele. Ich such auch nach älterem. Und auch Theoretisches. Ok danke das war erstmal alles.

yassiryahya Avatar
yassiryahya:#2230

>>2229
Nunja, in Boccaccios Decamerone gibt es eine Vielzahl von Geschichten, die weltliches und geistliches Leben darstellen und die zeigen, dass auch die Geistlichen nicht frei sind von Sünde, fleischlicher Lust, Hinterlist und Witz. Das Buch ist aus dem 14. Jahrhundert, aber in seiner Unterhaltsamkeit und seinen geistreichen Pointen ein Klassiker bis heute.
Allerdings ist es nicht unumstritten unter Geistlichen. Es schien Anlaß zur Empörung gegeben zu haben, vielleicht schon allein weil sie Lachen hervorrufen, vielleicht aber auch wegen der bloßen Verbindung von weltlichen und geistlichen Themen. Man lese "Der Gärtner im Nonnenkloster" oder "Der Teufel in der Hölle", gute Beispiele für diese erwähnten Aspekte.

falvarad Avatar
falvarad:#2231

>>2229
Auch Chesterton scheint die Brücke zwischen Glaube und Komik geschlagen zu haben. Insgesamt muss man wohl aber sagen, dass eine komische Darstellung christlicher Dogmen meist von Außenseitern geschieht. In diese Kategorie sind Gestalten wie G.K.Chesterton oder Boccaccio zu ordnen. Es braucht den wachen Geist eines Außenstehenden, um die Ironie des Geistlichen der doch solang er lebt, auch fleischlich ist, hinreichend zu erfassen.
Ich glaube aber nicht, dass das Lachen grundsätzlich eines solchen Tabus unterlegen hat, wie es Eco in Der Name der Rose darstellt. Durchaus, Lachen ist eine Art Befreiungsbewegung und die Lust des Menschen an seiner eigenen Freiheit, vor allem zeigt das Lachen, dass sich der Geist im Körper regt. Und hätte das Christentum nicht eine tiefliegende erhebende Pointe, wäre es meines Erachtens auch nie so weit verbreitet worden.
Es gibt auch einen Unterschied zwischen bloßer Komik und Witz. Witz zu haben bedeutet, Dinge prägnant und aus ungewohntem Blickwinkel zu präsentieren. Das Lachen ist dabei wie ein Sprühen des Geistes: der Mensch hat etwas begriffen, aber er lacht zuerst nur, weil die Genialität manch witziger Darstellung sich öfters erst bei einigem Nachdenken erschließt. Aber ohne Witz, ohne zündende Ideen und espritgetränken Stil hätte sich das Christentum gar nicht erst so weit entwickeln können.

vigobronx Avatar
vigobronx:#2232

In vielen Heiligenviten heißt es, der Heilige habe so viel geweint, dass seine Augen allezeit gerötet gewesen sein. Ich glaube, dass es aber auch viel Anlaß zum Lachen gegeben haben muss. Vielleicht sind Heilige per se klinisch als manisch-depressive Charaktere zu kennzeichnen: sie erleben den Abgrund der Seele und den scheinenden Frühling, werden getrieben durch die Stürme ihres inneren Kampfes, aber das Lachen ist ihnen alles andere als fremd.
Harald Lesch sagte einmal: Der Mensch denkt und Gott - lacht. Vielleicht gilt das Lachen in besonders orthodoxen Kreisen als lästerlich, weil man damit eine Leichtigkeit beweist, die demütigen Wesen nicht ansteht. Manche würden argumentieren, dass das Lachen auf einen Mangel an Frömmigkeit hinweist. Andere wiederum würden das Lachen als Ergebnis großer Erkenntnis und geistigen Lebens werten. Ich kann das Thema nur zerpflücken, aber keine wirklichen Positionen liefern, tut mir leid. Vielleicht fällt dadurch aber anderen Bernds etwas ein.

superoutman Avatar
superoutman:#2233

Man sagt dem Hl. Philip Neri nach, sehr fröhlich gewesen zu sein.

mutlu82 Avatar
mutlu82:#2234

>>2229
> Mich würde mal interessieren, ob ihr Gegenbeispiele kennt, wo Christentum und Komisches gut zusammengehen.

https://www.youtube.com/watch?v=krb2OdQksMc#t=109

carlosgavina Avatar
carlosgavina:#2240

Du brauchst doch nur das Alte Testament zu lesen, was Komischeres wirst du wohl in der Weltliteratur nicht finden.

Gut das es da auch noch das neue Testament gibt, sonst wäre das eine fade Angelegenheit.

Den zu erwartenden Unkenrufen zuvorkommend, ja ich bin dumm und hab das Ganze falsch verstanden:)

fritzronel Avatar
fritzronel:#2241

Danke für die Antworten.
>>2240
Ich könnte mir vorstellen, dass vieles im AT humorvoll ist, was heute gar nicht mehr so ohne weiteres als komisch wahrgenommen wird. Die Geschichte Hiob zum Beispiel birgt schon ziemliches Potential (korrigiert mich wenn falsch). Einige Leute wollen ja auch nicht einsehen, dass Kafka brüllend komisch ist. Zumindest haben er und seine Kumpanen sich schiefgelacht, als er die Verwandlung vorgelesen hat - heute ist aber die Rezeption umständlicher. Die komische Erfahrung wird ein bisschen verstellt.
Ich sehe es zumindest auch so, dass im Grunde genommen das Christentum großen Spielraum für Komik bieten könnte, besonders den Humor. Der Zusammenhang zwischen Melancholie (bzw. Depression >>2232) und Humor ist ziemlich häufig zu beobachten. Heinz Strunk zum Beispiel sagt, dass er nur deswegen seinen Humor verfeinert habe, um seine Melancholie zu überwinden.

dhooyenga Avatar
dhooyenga:#2250

>>2241
Es freut mich, dass es dich erheitert.
Mir ist das Lachen leider vergangen, aber ich weiß noch von früher wie es ist. Nachdem eine melancholisch depressive Störung nicht ewig dauert, werde ich es wieder einmal versuchen.

husamyousf Avatar
husamyousf:#2308

>>2250
Nur leicht relatiert: Depressionenbernd wurde dazu geraten, lautes echtes Lachen zu üben (Christus ist der Quell der Freude). Es hilft.

armcivor Avatar
armcivor:#2309

>>2308
>Christus ist der Quell der Freude
ich weiß es, danke ... und wer an mich glaubt wird leben..

Gemessen an dem Leid und der Dummheit rund um mich, geht's mir ja noch einigermaßen. Es waren eben zu viele Schicksalsschläge in zu kurzer Zeit die mir das Lachen und den Hochmut gedämpft haben.

yassiryahya Avatar
yassiryahya:#2310

>>2309
Ging mir genauso, und ich redete mir ein, dass man als Katholik ja auch nicht lachen muss, dass heiliger Ernst viel besser ist etc.

Aber Fakt ist, dass du dir ja auch nicht eine Hand abhackst, nur weil Jesus mal sagte, Krüppel seien in Ordnung.

Mir hat es geholfen, über die Schönheit der Schöpfung nachzudenken und die Absurdität dessen, was die Menschen mit ihrer Freiheit treiben und die Überlegung, dass sie trotzdem jederzeit in die Gnade Gottes zurückfinden können, wenn sie sich dann dazu entscheiden.

nehemiasec Avatar
nehemiasec:#2313

>>2310
Nach einer Zeit des Überflusses kamen eben die Prüfungen im Überfluss! Und ich hab gelernt nicht mehr die Frage "was fehlt mir" zu stellen, sondern mir vor Augen zu halten "was habe ich".
Ich habe meine eigenen 4 Wände, genug zu essen, ein Hinausstierfenster, 3 Katzen und ein Wasserklosett. Es gibt viele Menschen die das nicht haben.
Und die Tatsache dass ich auf kc lauere, beweist dass es mir noch viel zu gut geht:)

breehype Avatar
breehype:#2325

>>2313
Lieber Bernd, mir fällt es natürlich ziemlich schwer, einem Menschen, der seine Traurigkeit als Depression interpretiert, etwas über die Vorzüge von Humor zu erzählen. In dem Moment, in dem du mit einer Depression schwanger gehst und nicht mehr mit einer Melancholie, ist dein Fall ja - wie man so schön sagt - "klinisch" geworden. Gut möglich, dass Reflexion allein jetzt nicht mehr weiterhelfen kann. Vielleicht hat dir die Traurigkeit mittlerweile selbst diesen Weg verbaut. Ich erinnere mich daran, dass es einige Medikamente gibt, die sehr stimmungsaufhellend sind und dir insofern helfen könnten, einen Weg wieder zu lichten. Marihuana wäre das natürliche, es gibt aber auch jede Menge Mittel, die pharmazeutisch hergestellt werden und wirken - einige davon sind auch bloß Placebo. Strunk, den ich vorher einmal erwähnte, erzählt auch von seinen Erfahrungen mit diesen Mittel (Fleisch ist mein Gemüse, wenn dich das interessiert.) Falls dir der Weg mit diesen Mitteln aus ethischen Gründen verbaut zu sein scheint (mir wäre es völlig egal), oder du denkst, du willst es durch Reflexion weiter versuchen, dann kann ich mich auch als Atheist meinem Vorredner nur anschließen. Humor zu schulen kann ausgesprochen hilfreich sein, ob du dich dabei auf die Idee der christlichen Schöpfung beziehst oder auf welchen Sinn auch immer - irgendein Sinn findet sich wirklich immer.

saarabpreet Avatar
saarabpreet:#2334

>>2229
Mir ist eben noch bildrelatiert eingefallen. Kapielski ist selbst zwar kein Gläubiger, wenn ich ihn richtig verstehe. Aber an seinem Stammtisch hängen immer einige promovierte Theologen mit herum; sowas färbt natürlich ab.

emileboudeling Avatar
emileboudeling:#2339

>>2325
Deine Besorgnis wärmt mich. Mach dir keine Sorgen, deinem Rat mit der Kiffe komme ich schon länger nach und es hilft mir nicht nur in der Psyche, auch körperlich mobilisiert es mich, und ich spare mir damit einige Medikamente. Leider macht es mich etwas faschistoid, aber damit falle ich hier kaum auf. Es ist nicht so, dass ich unglücklich bin, im Gegenteil. Es ist eben alles sehr mühsam. Ich tue mir momentan sogar eine Ausbildung (Maßnahme) an, an der 19 Jährige scheitern, und ich bin mehr als doppelt so alt und gar nicht finanziell daran interessiert, aber es scheint ein neuer Lebensabschnitt zu sein.
Und damit du weist dass ich noch etwas Humor habe (und woher ich komme) ein kleiner Witz:

Was ist der Unterschied zwischen einem Deutschen Touristen und einem Deutschen Terroristen?


Der Deutsche Terrorist hat Sympathisanten.

chatyrko Avatar
chatyrko:#2342

>>2339
:-DDDDD