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Veröffentlicht am 2015-02-12 22:58:36 in /r/

/r/ 2741: Novalis

vladarbatov Avatar
vladarbatov:#2741

Grade auf der Suche nach etwas ganz anderem entdeckt und doppelt erfreut gewesen. Beides, Thema und Autor, in höchstem Maße interessant.

Gerne kann dies auch der christliche Lyrikfaden sein (bitte nicht so viel Rilke)

Es waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; Ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt, die großen politischen Kräfte. – Eine zahlreiche Zunft zu der jedermann den Zutritt hatte, stand unmittelbar unter demselben und vollführte seine Winke und strebte mit Eifer seine wohltätige Macht zu befestigen. Jedes Glied dieser Gesellschaft wurde allenthalben geehrt, und wenn die gemeinen Leute Trost oder Hülfe, Schutz oder Rat bei ihm suchten, und gerne dafür seine mannigfaltigen Bedürfnisse reichlich versorgten, so fand es auch bei den Mächtigeren Schutz, Ansehn und Gehör, und alle pflegten diese auserwählten, mit wunderbaren Kräften ausgerüsteten Männer, wie Kinder des Himmels, deren Gegenwart und Zuneigung mannigfachen Segen verbreitete.

kimcool Avatar
kimcool:#2742

Gesamter Text (die Christenheit oder Europa)
http://novalis.autorenverzeichnis.de/christenheit_oder_europa/index.html

andyisonline Avatar
andyisonline:#2744

>>2741
Für mich klingt das wieder wie eine der zahlreichen Idealvorstellungen einer Vergangenheit, die es niemals gab. So wie in vielen Philosophien seit der Zeit des Rationalismus immer wieder von einem Naturzustand gesprochen wurde, der je nach Autoren etwas anders beschaffen gewesen sein soll, aber in jedem Fall nichts weiter ist als eine Projektion eines vermuteten Reinzustandes in die Vergangenheit.
Die christliche Einheit Europas, die Novalis in seinem Aufsatz so sehnsuchtsvoll beschwört, besitzt keinen Gegenwert in der tatsächlichen Geschichte unseres Kontinents. Aber jedem Geschichtsbeflissenen werden nicht allein die Glaubenskriege, sondern auch die innerkirchlichen Konflikte bekannt sein, die es schwer machen, von einer verlässlichen und menschennahen Institution zu sprechen.
Kaum eine andere Institution leidet so sehr an ihren inneren Machtkämpfen und ihrer blutigen Vergangenheit. Zudem sehen wir anhand des Vorgehens der katholischen Kirche gegen Abspaltungen und nonkonforme Glaubensgemeinschaften, wie sehr diese Instution über die Jahrhunderte ihre Vertrauenswürdigkeit längst zugunsten einer ökonomischen Vormachtstellung eingebüßt hat. Denken wir an die Katharer, die im Mittelalter eine Rückkehr zu den christlichen Wurzeln ausübten, voller Bescheidenheit, Enthaltsamkeit und aufrichtigen Herzens. Diese Glaubensgemeinschaft erfuhr beträchtlichen Zulauf und muss historisch als eine dem Urchristentum viel nähere Ausübung des Glaubens betrachtet werden, derweil die katholische Kirche sich in Pomp, Bombast, Glanz und Gloria verlor. Prächtige Gotteshäuser, deren künstlerische Vollendung auch heutzutage noch die Massen beeindrucken, hätte man sich vielleicht sparen können, wenn man dafür den Eifer und den wahren Glauben in den Herzen der Menschen bewahrt hätte. Der Heilige Dominikus und der Heilige Franziskus waren der Kirche auch ein Dorn im Auge, gerade weil ihre Ordensbruderschaft sich auf die Besitzlosigkeit von Christus selbst und seine Jünger berief.
Spricht das nicht für sich? Der größte Heilige der katholischen Kirche war zu seinen Lebzeiten eine Gefahr für die Instution, ein Störenfried, ja beinahe ein Ketzer. Andernorts landeten Menschen, die von ähnlichem Geist waren wie der heilige Franziskus, auf dem Scheiterhaufen - Giordano Bruno, Vanini und beinahe auch Spinoza, alle jene fanden in ihrem Herzen die Verbindung zu Gott und die unverbrüchliche Treue, die er uns zubilligt. Die sogenannten Ketzer waren Menschen, die keine Priester brauchten, keine Instution, keinen Mittler zwischen Gott und dem Menschen.
Sicher, der einfache Mensch verlangt vielleicht nach der Instution der Kirche. Aber der christliche Glaube ist erhaben und seine Pracht entfaltet sich in der Hingabe jedes einzelnen, der da glaubt. Die Kirche tut auch viel Gutes, aber für die Suchenden ist sie nicht das letzte Wort.
Franziskus, Dominikus, Bernardus, Giordano Bruno, Spinoza, Paulus, die ganzen Heiligen und wahren Gelehrten und Künstler, sind allesamt Zufrühgeborene. Sie stammen aus einer Welt, in der es keiner Mittlerrolle zwischen Mensch und Gott bedarf, denn Gott ist jedem Menschen zugänglich. Auch Christus selbst konnte im Grunde nichts anderes wollen als dass die Menschen diese ihnen eigenste Freiheit ergreifen und nutzen: Gott im Herzen des Menschen finden und seine Allgegenwart in Gedanke und Tat preisen.
Das Ideal des Christentums ist unverbrüchlich, und dies ist es, woran es sich zu erinnern gilt. Novalis, als Dichter der Romantik, strebte nach diesem Traum in all seiner Sehnsucht. Und auch wir sollten dieses Ideal ins Auge fassen, geklärt von dem grauen Verwaltungsapparat der Kirche - denn alle Pracht der größten Orgel, alles Gold und aller Weihrauch dieser Welt sind nur ein bleiches unzulängliches Zeugnis des Himmelreiches, das unser ist, wenn wir das Ideal in unserem Herzen nähren und ihm Dank entgegenbringen.

andrewofficer Avatar
andrewofficer:#2745

>>2744
Ziemlich pathetisch und wirr, magst du dich erklären?

eduardostuart Avatar
eduardostuart:#2765

>>2745
Gerne versuche ich mich klarer auszudrücken, aber am besten verrätst du mir vorher, was du genau wissen willst.