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Veröffentlicht am 2017-12-12 22:42:03 in /r/

/r/ 5234: Insidermoral und - wissen

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Die Verhaltensnormen früherer Gesellschaften waren zumeist äußerst rigide; die Thora kann praktisch nur eingehalten werden unter äußersten Anstrengungen und Einschränkungen des Individuums. Es war daher dem Einzelnen kaum vollständig möglich, den rigiden Gesetzesvorschriften zu genügen. Zudem war die Thora repressiv gegenüber den Individualintentionen, was wiederum ein hohes Aggressionspotential zufolge hat. Vermutlich werden die Aggressionen sich nicht durch eine bessere Befolgung der Gebote geäußert haben, sondern durch Vermehrung der Abweichungen gegen die Thora. Dadurch konnte das Individuum den Eindruck von sich bekommen, es sei böswillig gegen das Gesetz, wenn es überhaupt erst einmal zu einer Internalisation gekommen war. Die Abweichung vom Gesetz als göttlicher Regelung menschlicher Verhältnisse war Sünde - Drang in die Verhältnislosigkeit zu Gott und dem Volksganzen. Sünde ist immer etwas negativ affektiertes, hervorgerufen durch die rigiden Sanktionen, die das Volk dem Abweichler angedeihen ließ, zB Jesus von Nazareth. Die nahezu unvermeidliche Abweichung vom Gesetz mußte also im Individuum Strafangst hervorrufen. Es befindet sich im Zwiespalt: folgt es seinen eigenen Intentionen, gegen die Thora u.a., so setzt es sich den Sanktionen des Volks aus und sogar den angeeigneten Mißbilligungen seines Überichs. Es gerät somit in Selbstwiderspruch. Folgt es aber dem Gesetz, so wird es frustriert, entwickelt Aggressionen, bis es nicht mehr fähig ist, sich zu kontrollieren und die Aggressionen unbeherrscht ausbrechen in gesetzwidriges Verhalten. Sünde ist also eine Zwickmühle, die durch inadäquate Moralcodices produziert wird. Gesetze, die einmal als Förderung erlassen waren, können unter anderen Umständen zur Bremse und Hemmung des liebenden Miteinander werden, wie Jesus immer wieder zeigt, ob Ährenraufen oder Nothilfe am Sabbat, ob Reinheitsgebote, die der Seuchenvermeidung dienten und aktuell unterlassene Hilfeleistung verlangen. So entstanden unentwegt aporetische, unhaltbare Situationen: Wer das eine von 618 Geboten einhielt, verstieß gegen das andere. Man konnte nicht nicht sündigen. Die Lebensweise eines völlig Thoratreuen nahm Züge des Skurrilen, ja Unmenschlichen an.

Paulus war Pharisäer, kannte die Doppelbindung der Thora sehr genau. „Das Gesetz aber ist nebeneingekommen, auf daß die Sünde mächtiger würde. Wo aber die Sünde mächtiger geworden ist, da ist die Gnade viel mächtiger geworden..“(Rm 5,20) Gesetz und Sünde befinden sich in einem circulus vitiosus. Um die Sündenzwickmühle anzukurbeln, braucht man also das Gesetz. Es soll nach Paulus zur Erkenntnis der Sünde dienen (Rm 3,20), wobei Paulus wohlweise verschweigt, daß die Sünde erst Produkt des Gesetzes ist. Er nennt das Gesetz die Kraft der Sünde, damit ist wohl etwas ähnliches gesagt (1 Kor 15,56). Der Gerechte war der, der die Gesetzesvorschriften einhielt. Gerechtigkeit lag im Gesetz begründet und der Gesetzestreue hatte somit Anteil an der Gerechtigkeit. Gerechtigkeitsanteil haben war nichts anderes als soziale Bestätigung innerhalb der Dorfgemeinschaft oder Synagoge.