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Veröffentlicht am 2017-12-12 22:47:30 in /r/

/r/ 5236: Die Herabstufung aller Menschen zu Sündern

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Sündersein ist eine Metaidentität, Sünder wird man durch sein unkonformes Verhalten. Paulus treibt es auf die Spitze: jeder Mensch sei Sünder. Er akzeptiert nicht mehr die jüdische Geisterscheidung der Gerechten und Sünder durchs Gesetz, weil sie eine Finte der Frommen war, und keiner je völlig vollkommen nach dem Gesetz leben konnte. Er hatte dies in seiner Jugend als untadeliger Pharisäer offenbar versucht. (Phil 3,3-9) Mehr noch, man konnte sogar mit dem Gesetz sündigen, dh das Gesetz und seine minimale wörtliche Befolgung als Präsentation benutzen, um vor der Öffentlichkeit als Gerechter zu gelten. Die Oberschicht der Sadduzäer schien das hybride Selbstbewußtsein vieler Reichen zu haben, daß sie Gesetzestreue als Kulturgut zur Steigerung ihres Ansehens betrieben. Darum sagt Paulus, es sei hier kein Unterschied: „sie sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“(Rm 3,23f) Er kratzt an der Fassade der Sadduzäer, aber ebenso an der der Pharisäer und sagt, die Einhaltung des Gesetzes ist noch lange nicht die Erfüllung seiner Intention. Damit liegt er nahe bei Jesu Doppelgebot von Gottesliebe als Nächstenliebe. Es ist zugleich eine Kritik der Thora: Sie hat Israel nicht ins Reich Gottes geleitet, in der weder Sklave noch Freier mehr ist, sondern alle Klassenunterschiede pfingstlich aufgehoben. Da Paulus aber den jüdischen Feudalismus nicht aufbrechen kann, versucht er die Idee einer freien brüderlichen Gesellung Gleicher wenigstens vor Gott zu instaurieren. Vor Gott sind alle gleich, und zwar gleich schlecht. Diese Demontage der Oberschichtsarroganzen, die prägend für die Jesusbewegung war, erfährt im Laufe der Kirchengeschichte allerdings eine Wandlung zu einer Publikumsbeschimpfung des Kirchenvolks im allgemeinen. Produkt dieser Vermittlung eines bundesdeutschen Sündenbewußtseins von der Kanzel sind die Melancholiker in Kraepelins Psychiatrie: „Häufig spielen die Selbstanklagen in das religiöse Gebiet hinüber. Der Kranke kann nicht mehr so beten wie früher, hat den Glauben, den Segen Gottes, die ewige Seligkeit verloren, die Sünde wider den Heiligen Geist begangen, die Kirche nicht fleissig besucht, das Göttliche verkauft, nicht genug Lichter geopfert, ist vom Herrgott abgefallen, vom Teufel besessen; der Geist Gottes hat ihn verlassen; der böse Feind hat ihn holen wollen. Ihm ist, als dürfe er nicht in die Kirche hinein; er muss mit der Sündenschuld in die Ewigkeit gehen, arme Seelen erlösen.“(Kraepelin aaO Bd.II, 319) "Für den gemeinsamen Ursprung der Versündigungsideen und der Verstimmung aus einer krankhaften Veränderung des Gesammtzustandes spricht ferner auch die häufige Beobachtung, dass die Selbstanklagen sich fortlaufend an alle Handlungen und Erlebnisse des Kranken anknüpfen. Er merkt, dass er immer neue Fehler begeht, so dumm daherredet, Alle beleidigt."(Kraepelin aaO Bd.II, 320) Das kirchlich geschulte Ermitteln eigener Sünden kann so zunehmen, daß ein Mensch völlig handlungsunfähig wird und den Schutzraum der Klinik aufsucht.