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Veröffentlicht am 2014-06-02 23:04:14 in /vip/

/vip/ 19843: Vergänglichkeit

arnel_lenteria Avatar
arnel_lenteria:#19843

Bernd, ich habe heute Vormittag ein Referat über Hospizarbeit gehalten. Bei der Recherche dafür bin ich immer wieder ins Grübeln geraten, weniger über Hospize an sich, sondern eher über den eigenen Tod im Allgemeinen.
Natürlich habe ich als Jugendlicher viel über den Tod nachgedacht, aber eben auf sehr jugendliche Art, verklärend und romantisierend. Habe mir Grabsteine ausgemalt und Musik für meine Beerdigung herausgesucht, habe mich in Bücher, Filme und Musik gestürzt, wo es um den Tod ging. Aber eben, alles nicht wirklich handfest oder mit irgendeinem Ziel, außer vielleicht mir selber tiefgründig vorzukommen.

Bei der Recherche jedenfalls bin ich auf einige Sachen gestoßen, die mir aufgefallen sind, weil sie einfach zeigen wie wenige Menschen sich wirklich planend, überlegt und ehrlich mit dem eigenen Tod und der eigenen Vergänglichkeit auseinandersetzt.
90% der Menschen wünschen sich für ihren Tod, dass er zu Hause stattfindet, im Kreis von Familie und Freunden. In behüteter, vertrauter Umgebung, friedlich und heimelig.
70-90% der Menschen sterben im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Wenn man von den übrigen Prozenten die abzieht, die in Unfällen oder durch Suizid sterben, bleiben von den 800.000 Toten im Jahr nur verdammt wenige übrig, die ihren Tod zumindest in der Umgebung haben, die sie sich wünschen. Dabei ist es rechtlich gesehen eigentlich sehr einfach, sofern man nicht bereits keinen eigenen Wohnsitz mehr hat und im Heim wohnt - ambulanter Hospizdienst kann kostenlos in Anspruch genommen werden, und wenn man bereits in einem Heim wohnt, kann man zumindest aus dem Krankenhaus in ein Hospiz überstellt werden. Trotzdem nehmen das nur wenige Leute in Anspruch, wohl teils einfach aus Unwissen, das sowas überhaupt möglich ist, teils auch weil ein Hospiz viel mehr von der Endgültigkeit des eigenen Todes an sich hat als ein Krankenhaus, und wer das Hin und Her der Sterbephasen kennt, kann verstehen warum man nicht so einfach damit abschließen kann, zu sterben, und seine letzten Wochen noch in angenehmer Umgebung verbringen will.

Ich habe jedenfalls nach einigen Jahren Pause wieder angefangen, ziemlich viel über mein eigenes Ende nachzugrübeln, weil ich zum einen, wie wohl die meisten Menschen, mein unweigerliches Ende nicht in einem fremden Bett im Krankenhaus erleben will, wo ich an weiße Wände starre und mir so viele Stunden Leben ermöglicht werden, wie die Medizin es möglich macht, obwohl ich vielleicht schon vor Tagen einfach hätte sterben und meinen Frieden hätte haben können. Zum anderen will ich meinen Tod bewusst erleben. Das wollen nur wenige, die meisten Menschen wollen lieber "einschlafen und nicht mehr aufwachen", oder zumindest so wenig davon mitbekommen wie möglich - ich nicht. Ich habe nur eine Gelegenheit, diese Erfahrung zu machen, und auch wenn ich nicht mehr über sie nachdenken kann, will ich sie trotzdem nicht verpassen. Schmerzen will ich natürlich nicht haben, aber auch nicht wegdämmern und halb im Traum sterben.
Ich finde es im Nachhinein einen seltsam berührenden Gedanken, sterben zu müssen. Natürlich weiß ich das schon fast mein ganzes Leben, als kleines Kind machte es mir Angst, dann dachte ich nicht darüber nach, als Jugendlicher kreiste ich ständig um die oberflächlichen Gedanken dahinter, dann nahm ich wieder Abstand, jetzt bin ich wieder voll drin. Mir ist aufgefallen, wie wenig man vom Tod mitbekommt. Natürlich sieht jeder von uns jeden Tag Tote, vielleicht einige wenige, vielleicht hunderte, auf dem Bildschirm des Fernsehers oder in Spielen, jeder hat schon mal in einem Spiel getötet und ist gestorben, aber in der Realität? Die Hälfte von uns hat noch nie einen Toten gesehen, ich auch nicht. Als mein Großvater starb, starb er im Altenheim, und der Bestatter und das Krematorium haben ihre Arbeit getan bevor ich überhaupt dazu kommen konnte, ihn noch einmal zu sehen. Vielen geht es ähnlich, und wenn der Tote dann beerdigt ist, hat das Leben weiterzugehen.

Ich denke, die meisten Menschen wissen um ihren Tod nur auf oberflächliche Weise - Caius ist ein Mensch, und Menschen sind sterblich, also ist auch Caius sterblich. Aber Caius weiß das, und kann es trotzdem nicht wahrhaben, denn er, Caius, ist doch verschieden von den Menschen, er ist ein einzelner Mensch, er ist ein Ich, der Mittelpunkt seines Kosmos - und nicht einfach nur ein sterblicher Mensch.


Was hast du dir in letzter Zeit so dazu gedacht, Bernd?

jehnglynn Avatar
jehnglynn:#19848

Bernd möchte allein sterben, jedoch nicht einsam. Mit seinen letzten Kräften wird er sich aus dem Haus stehlen, ein letztes Mal sein alltägliches Spaziergängchen machen und unterwegs auf einem Bänklein am Waldesrand sitzenbleiben, wo er schließlich nach einem tiefen Atemzug die Augen für immer schließt.
Wahrscheinlich wird Bernd als sabbernder Halbkadaver elendig im Krankenhaus krepieren, so wie alle anderen auch. Mit einer Windel am Arsch und ohne irgendwelche Nachfahren, weil er es doch nicht auf die Reihe bekommen hat.

Bernd ist nun fünfundzwanzig und verschwendet eigentlich nicht mehr allzuviele Gedanken an das Ende. Das Ende ist unausweichlich, trägt aber kaum etwas zum Alltag unserer Gesellschaft bei. Unsere Gesellschaft und unser ganzes Empfinden wird vom Leben bestimmt und nicht vom Ende, weswegen Bernd ok damit ist, dass der Tod unerwähnt und außenvorbleibt. Der immerwährende Gedanke an ihn macht krank.

craighenneberry Avatar
craighenneberry:#19850

Den Tod an sich finde ich nicht schlimm, er ist einfach eine Konstante. Alles hat irgendwann ein Ende. Der Weg dahin ist das Problem. Herzinfarkt soll ja Scheisse weh tun. Genau wie Autounfall und dergleichen. Am liebsten hätte ich Krebs, und dann würde ich mich erschießen, nachdem ich ihn bis zum letzten Moment herausgezögert habe. Lungenkrebs oder Hirntumor. Kein ekliger Krebs wie Magen oder Darmkrebs oder so. Dann würde ich mich gleich umbringen.

tmstrada Avatar
tmstrada:#19853

>>19843
Du kannst, was es beim Sterben zu erleben gibt, sogar mehrfach erleben. Du brauchst dazu aber einen zuverlässigen Partner, eine robuste Gesundheit und ein wenig Glück. Die Sache beruht darauf, dass dein Bewusstsein aufhört dargestellt zu werden lange bevor dein Körper wirklich stirbt. Tot sein ist im Grunde wie tiefer, traumloser Schlaf: Du bist einfach weg, 1h, 3h, über 9000h spielt ganz einfach keine Rolle.
Es gibt diverse Arten zu sterben, bei manchen merkt man gar nix (spontaner Kreislaufzusammenbruch nach dem Furzen zum Beispiel), bei anderen Quält man sich mehr oder weniger. Wobei das Sterben eigentlich immer schmerzfrei ist, weh tut nur eine Krankheit oder Verletzung die das Sterben auslöst. Wenn Du zum Beispiel in einem Feuer verbrennst, wirst Du genau so lange Schmerzen empfinden wie Du lebst und bei Bewusstsein bist. Irgendwann verlierst Du das Bewusstsein, nimmst keinen Schmerz mehr wahr und erst dann stirbst Du.

Du kannst, wie dieser Bernd, das Hauptstudium der Zauberlehre um das Nebenfach Fakirismus ergänzen. Mit genügend hoher Schmerztoleranz kannst Du es vielleicht schaffen, bis zum Moment des biologischen Todes bei Bewusstsein zu bleiben. Man sagt, wer das schafft kombt unverzüglich Nirvana. Seppuku ist auch schön. Aber glaub nicht, dass Du ohne Schmerz und Missbrauch irgendwelche nennenswerten Effekte sehen wirst.

t. Bernd dessen Organe von Lolis verspeist werden sollen

bnquoctoan Avatar
bnquoctoan:#19895

Anstatt den Tod zu untersuchen, lieber erkunden, was das Leben lebenswert macht. Die letzten Momente einer Person sind Teil des Lebens, und sein Leben sollte bewusst gelebt werden. In der Hinsicht ist die Bezeichnung Sterben schon arg pessimistisch. Der Alte Spruch sagt: "Leben ist Sterben". Ist dieser Dualismus nicht absurd, ist Sterben nicht der Moment, in dem man nicht mehr lebt? Sind die Grenzen eigentlich so klar trennbar oder doch nicht und verwenden wir deshalb das gleiche Wort um das eigene Leben sowie die Gesamtheit aller Leben zu bezeichnen? In diesem Sinne gibt es nur ein Leben, das wir mit allen anderen Teilen, wir sterben, aber das Leben endet nicht, vorerst.

ntfblog Avatar
ntfblog:#19901

>90% der Menschen wünschen sich für ihren Tod, dass er zu Hause stattfindet, im Kreis von Familie und Freunden. In behüteter, vertrauter Umgebung, friedlich und heimelig. 70-90% der Menschen sterben im Krankenhaus oder im Pflegeheim. Dabei ist es rechtlich gesehen eigentlich sehr einfach, ambulanter Hospizdienst kann kostenlos in Anspruch genommen werden. Trotzdem nehmen das nur wenige Leute in Anspruch, wohl teils einfach aus Unwissen

Du übersiehst ein paar Dinge.

Menschen wollen zunächst einmal einfach leben. So lange wie möglich. Und die moderne Medizin hat die Grenzen immer mehr verschoben: Der Herzinfarkt (Schlaganfall, Krebs etc.), an dem du vor 30 Jahren gestorben wärst, wird heute oft "erfolgreich" behandelt. Du bekommst einige Jahre (oder gar 1-2 Jahrzehnte) mehr Leben. Bist froh darüber. Die Kehrseite ist jedoch, dass die Menschen, wenn sie dann sterben, deutlich älter und kränker sind. Dass z.B. Demenzen hinzutreten, die man früher gar nicht erlebt hätte (weil vor ihrem Eintreten verstorben). Dass Therapien, Medikamente und Geräte über lange Zeit erforderlich sind, das bisschen Restleben zu erhalten. Wenn eine Familie vor 30-40 Jahren Oma in den Tod begleitet hat, dann hat das vielleicht ein halbes Jahr gedauert. Das konnte man schaffen. Wenn eine Familie heute Oma in den Tod begleitet, dann kann das drei Jahre dauern. Oder fünf Jahre. Oder zehn Jahre. Und Oma ist vielleicht auch noch dement und braucht deshalb 24 Std./Tag jemand, der aufpasst, dass sie nicht die Herdplatten aufdreht, auf dem Wohnzimmerteppich Kaka macht, oder im Wald verlorengeht. Wer kann, wer wird, wer soll das leisten? Ohne daran selbst auf Dauer kaputt zugehen? Diese Alltagsbetreuung übernimmt kein Hospiz- oder Pflegedienst. Der kommt nur, um z.B. in 10-30 Minuten die Körperpflege inklusive Toilettengang und Verbände wechseln durchzuführen. Oder um Medikamente zu verabreichen. Wobei es, wenn es sich bei den Medikamenten um akut erforderliche Schmerz- oder Beruhigungsmittel handelt, für Betroffene und Angehörige extrem quälend sein kann, 1-2 Stunden auf den gerufenen Bereitschaftsdienst zu warten.

>Schmerzen will ich natürlich nicht haben, aber auch nicht wegdämmern und halb im Traum sterben.

Tatsache ist, dass es Krankheiten gibt, bei denen du zwischen dem Einen oder dem Anderen wählen mußt. Leider.

Altbernd, der im vergangenen Jahr seinen Vater wegen akuter Verwirrtheit gegen seinen Willen in's Pflegeheim bringen mußte. Und zeitgleich seinen an Krebs erkrankten Bruder in den Tod begleitet hat. Vier Monate lang, zuerst Krankenhaus (Palliativstation), dann Hospiz. In häuslicher Umgebung wäre eine auch nur halbwegs angemessene Versorgung - u.a. zu jeder Tages- und Nachtzeit nach Bedarf BTM-pflichtige Schmerzmedikamente verabreichen, zu jeder Tages- und Nachtzeit wegen Tracheotomie akut Schleim aus der Lunge absaugen, Vollversorgung bei kompletter Bettlägrigkeit über mehrere Monate - nicht möglich gewesen. Das hätte man zuhause höchstens mit 3-5 über Monate hinweg engagierten, physisch und psychisch hoch leistungsfähigen, idealerweise medizinisch qualifizierten Personen schaffen können. Wir waren aber nur zwei. Medizinische Laien. Bernd, 49. Und Mutti, 85.

keyuri85 Avatar
keyuri85:#19928

Ich sage einfach sehr kantig: scheißegal, wenn ich verrecke. Ist ja nicht so, als ob ich an meiner erbärmlichen Existenz hängen würde...
aber die Wahrheit ist:
Bestimmt werde ich kreischeind, heulend und winselnd in totaler Panik durchdrehen und horrormäßig krepieren. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern.

betraydan Avatar
betraydan:#19930

In letzter Zeit hab ich mir nichts darüber gedacht. Ich will allerdings so abtreten wie ich mir das denke. Bevor ich endgültig Mus im Kopf werde, geb ich mir die Kugel. Todkrank, irgendwohin gehen und/oder auf dem Weg sterben.
Ich habe schon einige tote und sterbende Leute gesehen. Von Nahem betrachtet ist es halt nix besonderes. Man hört halt einfach auf zu Leben. Vor dem Tod selbst habe ich keine Angst, aber sterben will ich möglichst nicht unter Schmerzen oder sonstwas. Ich will noch in meinem letzten Moment irgendetwas tun können, und wenn es nur ein Wort ist. Was ich halt nur nicht will, ist dahinsiechen. Deshalb werde ich auch (das sage ich zumindest jetzt noch), sobald ein Ende in Sicht ist, keine Rücksicht mehr nehmen. Vor allem meine geistige Klarheit ist mir wichtig. Sobald ich merke, dass ich die verliere, mache ich Schluss.

alexradsby Avatar
alexradsby:#19987

>>19930
> Sobald ich merke, dass ich die verliere, mache ich Schluss.

Und wenn du das schon nicht mehr merkst?

javorszky Avatar
javorszky:#19990

>>19987
Gar kein blöder Gedanke. Wenn etwas außenrum nicht mehr so ist wie vorher, dann denkt man ja nicht sofort: oh Mist, ich werd deppert. Sondern fordert grießgrämig erst mal den Deppen (Sohn, 40Jahre) auf, Name und Dienstgrad zu melden und gefällig Haltung anzunehmen. Ist jetzt etwas überspitzt, aber wer sucht denn als erstes den Fehler bei sich? Wohl wieder keiner.

thomasgeisen Avatar
thomasgeisen:#19991

>>19990
>sobald ein Ende in Sicht ist
Schon aufgrund dieser Aussage müsste sich >>19930 sofort die Kugel geben. Jeder Mensch sieht sein Ende, das unterscheidet uns vom Tier. Und wenn man blöde wird merkt man das selbst nicht, sonst würde man ja nicht blöde sein. Andererseits wäre es auch dämlich, sich jedes mal gleich umzubringen wenn man von einem Dritten den Hinweis bekommt, man wäre blöde.

Letztlich bleibt nur mit es zu handeln und möglichst konsequent einen Weg zu gehen. Wer sich neben dem Tod auch noch Sorgen um die Vorboten des Todes macht, hat eine Sorge mehr. Duhm, nech?

Darum: lebe und sterbe mit unbewegtem Geist. Dies ist der Weg des Samurai der keinen Fick gab. Es gab mal einen Schotten den die Briten gehängt, ausgedärmt und gevierteilt haben. Der Schotte hat seine Henker die ganze Zeit fröhlichj weiter beleidigt und ausgelacht. Ein echter Herrenmensch muss das gewesen sein.