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Veröffentlicht am 2016-08-09 10:21:14 in /vip/

/vip/ 26052: Die Praxis einer Bestrafung religiöser Minderheite...

anass_hassouni Avatar
anass_hassouni:#26052

Die Praxis einer Bestrafung religiöser Minderheiten, die Wahrnehmung der Christen als Feinde der römischen religiösen Tradition und die Stellung des Kaisers in Rom spielten nun eine wichtige Rolle bei der Feuersbrunst, die am 18. Juli 64 ausbrach. Der Brand wütete sechs Tage lang und der ausserhalb der Stadt weilende Kaiser kam erst, als sein eigener Palast vom Feuer bedroht war. Dies erboste das Volk und es wurde das Gerücht gestreut, der Kaiser selbst habe in seiner Masslosigkeit das Feuer gelegt, um die Welthauptstadt nach seinen Plänen neu zu erbauen. Um den entbrennenden Volkszorn zu löschen, musste ein Schuldiger gefunden werden. Eine mögliche Gruppe wären die Juden gewesen, die jedoch als althergebrachte Religion in einem begrenzten Mass geschützt waren und beim Kaiser zwei mächtige Fürsprecher hatten: Einmal Neros Frau Poppaea, die von Josephus als "Gottesfürchtige" bezeichnet wird und in irgendeiner Form dem Judentum zugeneigt gewesen sein muss. Hinzu kommt der Schauspieler Aliturus, der jüdischer Abstammung war und bei Nero in hoher Gunst stand. Zwei Jahre vor dem Ausbruch des jüdischen Krieges erschien es zudem nicht angebracht, den Konflikt mit den Juden/dem Judentum anzuheizen. So lag es nahe, die mit dem Judentum verbundene neue Splittergruppe der Christen für den Brand verantwortlich zu machen und zu bestrafen. Dies dürfte auch im Sinn des mächtigen Prätorianerpräfekten Tigellinus und des Hofastrologen Balbillus gewesen sein, der als Judenhasser bekannt war. Was Nero oder seine Berater wirklich über das Christentum wussten, muss offen bleiben. Es genügte wahrsheinlich eine Mischung aus Nähe zum Judentum und - aus römischer Sicht - völlig unsinniger, ja sogar gefährlicher Lehren (ein Gekreuzigter als Sohn Gottes), um diese stadtbekannte, zugleich aber noch überschaubare Gruppe zum Sündenbock zu stempeln. Die grausamen Bestrafungen entsprechen den Strafen überführter Brandstifter (der Brandstifter wird selbst verbrannt); zudem wird man mit einer aufgeheizten Lynchstimmung rechnen müssen. Letztlich entscheidend war aber, dass die Christen aufgrund ihrer Lehren, ihres Glaubens und ihres verdächtigen Verhaltens für bestrafungswürdig gehalten wurden. Es zeigt sich, dass man sie bereits unter Nero für eine unrömische, gefährliche Bewegung hielt. Dieser Aspekt verstärkt sich, wenn man den Bericht des Sueton als Ausgangspunkt wählt: Dann wären die Christen wegen ihres Christseins mit dem Tode bestraft worden, d.h. es läge bereits bei Nero der Vorwurf einer Verletzung der Hoheit des römischen Volkes und seiner Vertreter (laesae maiestatis) vor, hervorgerufen durch eine deutliche Distanz zum Kaiserkult.

Fazit: In jedem Fall wird man von einer neronischen Verfolgung sprechen können, denn das Vorgehen gegen die Christen war erkennbar planmässig und zielte auf ihre Vernichtung. Es war auf Rom beschränkt, aber alle dramatischen Ereignisse in der Welthauptstadt drangen mit einer gewissen Zeitverzögerung in die Provinzen vor. Hinzu kommt: Auch den römischen Eliten muss die neue Bewegung der Christen ab 64 n. Chr. zumindest ein Begriff gewesen sein, selbst wenn die Kenntnisse darüber sehr unterschiedlich gewesen sein dürften. Deshalb kann die neronische Verfolgung nicht als ein isolierter Einzelfall bagatellisiert werden, der für die früheren Gemeinden ausserhalb Roms ohne Bedeutung gewesen wäre. Die Christen galten spätestens von nun an als eine unrömische, bestrafungswürdige Bewegung, deren Existenz ständig gefährdet war.

cboller1 Avatar
cboller1:#26054

>>26052
>Dies dürfte auch im Sinn des mächtigen Prätorianerpräfekten Tigellinus und des Hofastrologen Balbillus gewesen sein, der als Judenhasser bekannt war.
>Nähe zum Judentum
Amerikanische Bildung detektiert.

>Christen waren immer antijüdisch, da das Christentum per se den Juden die Besonderheit abspricht
>Juden hatten seit Cäsar Sonderrechte in Rom, die nun durch das Christentum bedroht waren
>Neros Gattin fand Juden knorke
>Juden nahmen über sie Einfluss auf den Kaiser, um die Christen zu vernichten

Spaßfakt:
Die Römer machten allen Ami-Mems zum Trotz extrem große Unterschied zwischen Christen und Juden: Das Judentum war eine religio licita und hat deswegen Sonderrechte, zum Beispiel dass sie vom römischen Staatskult freigestellt waren.

Die Christen hatten GENAU das nicht, sie wurden u.a. verfolgt, weil sie nicht am Staatskult teilnahmen und stattdessen sagten "Wir beten für den Kaiser" - exakt das, was das Sonderrecht der Juden (und Mithraisten etc.) war.
Wir fassen zusammen: Das Christentum war bis Konstantin keine religio licita, das Judentum schon. Daraus folgt zwingend, dass die Römer bereits zwischen Juden und Christen unterschieden.

oanacr Avatar
oanacr:#26068

Danke, Bernds, es war mal wieder eineFreude