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Veröffentlicht am 2016-05-12 20:29:35 in /we/

/we/ 52416: Angst vor Nicht-Diagnose

jamesmbickerton Avatar
jamesmbickerton:#52416

Die meisten Menschen fürchten sich vor Diagnosen. Hier ist die Situation anders rum: Bernd hat Sorge nicht diagnostiziert zu werden.

Folgende Situation:

Es gibt in Bernds Leben ernsthafte Anzeichen, dass er tatsächlich das auf KC viel zitierte Asperger-Syndrom hat. Es ist Sinnlos hier in die details zu gehen. Jedoch geht es quer durch Bernds Biographie, mit familiärer Vorbelastung, und bis in die Gegenwart hinein wo Bernd logischerweise auch seine Probleme hat, schliesslich verschwindet so etwas nicht einfach so wenn man es wirklich hat.

Bernd befindet sich mittlerweile in einer weit forteschrittenen, professionellen Abklärung, und wird in ca. 2 Wochen über das Ergebnis informiert.

Soweit, so gut.

Angestossen durch diese Abklärungen hat sich Bernd in den letzten Wochen stark mit sich und seiner Vergangenheit auseinandergesetzt, und festgestellt - ohne dass es zu einer entschuldigung werden soll - Dass eben jene Diagnose erstaunlich viel in seinem Leben erklären könnte. Vielleicht würde es auch vieles in Bewegung setzen, so dass Bernd zukünftig besser mit sich und seinen Problemen klar kommen würde.

Deshalb bin ich mittlerweile in der Situation, dass ich ernsthaft Angst habe, dass ich die Diagnose nicht erhalte. Und mich frage, was ich dann tun soll.

Natürlich plane ich kein grosses outing, und kein Leben von Sozialhilfe, aber eine solide Diagnose hätte eher im psychischen Sinn etwas erlösendes.

Deshalb weiss ich nicht wie ich handeln soll, falls die Abklärung negativ ausfällt. Ich überlege mir ernsthaft, dass negative Resultat zu verschweigen, und jenen wenigen Personen die über die Abklärungen bescheid wissen zu sagen, es sei wirklich so. Weil es sich für mich so unglaublich richtig anfühlt. Trotzdem würde die ewige ungewissheit irgendwie an mir nagen.

Wie würdest du mit der Siutation umgehen, Bernd?

joshclark17 Avatar
joshclark17:#52417

Scheinbar hast du Probleme, die dich belasten. Von daher ist es in jedem Fall gut, dass du dir Hilfe geholt hast, nimm sie auf jeden Fall an. Vielleicht kommt bei der Diagnose ja auch etwas Anderes heraus oder dein Arzt (oder wer auch immer die Diagnose stellt) stellt weitere Untersuchungen an, falls herauskommt, dass du kein Aspi bist. Das ist aber kein Weltuntergang!
Ich habe auch über einen längeren Zeitraum vermutet, dass ich Arschbürger sein könnte, bin damit aber nie zu einem Arzt. Mittlerweile vermute ich, dass ich einfach nur introvertiert bin und rationaler als viele andere Leute denke. Letztendlich kommt aber das Gleiche dabei rum: Ich weiß, dass ich introvertiert bin und muss mir Strategien überlegen, wie ich in einer von Extrovertierten bestimmten Welt möglichst gut zurechtkomme – und das bekomme ich sogar erstaunlich gut hin. Egal welche Form von Erkenntnis bzw. Selbsterkenntnis du haben wirst, es wird dir helfen.

Akzeptiere deine Andersartigkeit und handel mit ihr, selbst wenn es keinen kühlen Begriff in der Psychologie dafür gibt.

iamkarna Avatar
iamkarna:#52418

Wie sieht so ein Arschbürger Test eigentlich aus? Habe mal von diesem Smarties Test gelesen, aber das macht man nur bei Kindern, oder?

Was >>52417 schreibt, klingt jedenfalls ganz vernünftig. Habe leider nichts sinnvolles hinzuzufügen, Berndi

kennyadr Avatar
kennyadr:#52419

>>52418

Phase 1: Fragebogen für dein Eltern, bzgl. Kindheit
Phase 2: 90 Minuten Interview wo du quasi deine Lebensgeschichte wiedergibst.
Phase 3: Man liest dir dir fragen vor die ungefähr dem RAADS-R Test entsprechen und du antwortest darauf.
Phase 4: Abschlussgespräch mit Oberarzt und verkündung der Diagnose.

Phase 4 steht mir bevor.

Ja, >>52417 scheint eine vernünftige Einstellung dazu zu haben.

Danke.

alek_djuric Avatar
alek_djuric:#52442

Ach Brent, mach dich doch nicht abhängig von dieser Diagnose.
Wie du selbst sagst: Du möchtest die Diagnose nicht als Entschuldigung. Aber genau das wird sie doch sein, auch wenn du es als "Erlösung im psychischen Sinne" betitelst.
Ich weiß jetzt natürlich nicht, wie die Lage ist. Ob dir, wenn die Diagnose negativ ausfällt, eine Therapie verwehrt wird oder ob das unerheblich ist. Davon aber mal abgesehen: Auch wenn du kein Asperger sein solltest, dein Leben ist halt so gelaufen, wie es gelaufen ist. Ob da jetzt der Auslöser eine Störung war oder ob es die jeweilige Situation / Ausgangsbedingungen waren, lässt sich dann im nachhinein wohl kaum klären. Sieh es also positiv: Wenn du kein Asperger bist, stehen dir nun alle Möglichkeiten offen, etwas gegen deine aktuelle Situation zu tun. Du bist nicht mehr limitiert, du hast halt vielleicht einfach nur einen schlechteren Start ins Leben gehabt als andere das hatten. Aber wen juckt das schon? Klar, war halt nicht immer einfach und wird sich auch nicht von heute auf morgen ändern, aber es kann sich ändern.

Kopf hoch Berndi, du schaffst das schon :3

velagapati Avatar
velagapati:#52443

>>52442
Danke Bernd, das ist ein guter Ansatz.

moynihan Avatar
moynihan:#52458

Morgen gilts ernst.

nateschulte Avatar
nateschulte:#52459

Es ist offiziell, Bernd. Die Diagnose wurde gestellt.

Entschuldige den dreifach Post.

olgary Avatar
olgary:#52460

>>52459
Herzlichen Glückwunsch zum Arschbürgertum, Bernd! :3

oskamaya Avatar
oskamaya:#52461

>>52460
Danke.

Es fühlt irgendwie komisch. Es ist nett gewissheit zu haben, aber irgendwie fühl ich mich so als "offiziell" retardiert noch viel entfernter von der Normbevölkerung.

Shriiiiimp Avatar
Shriiiiimp:#52462

Es gibt Momente, an denen dieser Bernd auch denkt, dass er leichtes Arschbürgertum hat. Aber wenn er sich die Symptome durchliest, gibt es doch relativ viele Sachen, die dem widersprechen. Bernd mag z.B. Filme, Bücher, emotionale Musik, kann mit Zahlen nicht viel anfangen und ist trotz Schüchternheit eigentlich ganz gerne unter Leuten (,die er kennt und mag :3).
Kann sein, dass ich da auch irgendwie raus gewachsen bin; als Kind war ich wohl deutlich merkwürdiger als heute mit 24 Jahren und ich frage mich heute oft, warum ich mich in der Vergangenheit in Situation XY so bescheuert verhalten habe.

Wie ist das bei dir OP Bernd? Fühlst du dich (trotz Diagnose) heute normaler als früher?

kreativosweb Avatar
kreativosweb:#52463

>>52462
Bernd, das ist einfach nur ein introvertierter Charakter und die damit verbundene soziale Unerfahrenheit. Leute wie wir müssen uns halt immer wieder aus der Komfortzone zwingen, weil wir keine „Rampensäue“ sind.
Akzeptiere deine Schwächen/Eigenheiten und lerne damit optimal umzugehen. Ich habe berufsbedingt oft genug Vorträge gehalten, Telefonate geführt, unbekannte Menschen ansprechen oder auch unangenehme Entscheidungen durchsetzen müssen. Am Anfang war mir das unangenehm wie Fick, aber wenn man sich am Anfang da durchquält, gewöhnt man sich daran und man kann damit handeln.

Genauso ist es auch mit den Frauen. Die Überwindung kostet Kraft, aber je öfter man es versucht, desto näher kommt man seinem Ziel. (Wobei ich da auch mehr tun muss, bin schon seit Ewigkeiten wieder ohne gf)

>als Kind war ich wohl deutlich merkwürdiger als heute mit 24 Jahren und ich frage mich heute oft, warum ich mich in der Vergangenheit in Situation XY so bescheuert verhalten habe
Manche Leute werden schneller erwachsen, bei manchen dauert das halt. Ich habe in den Jahren zwischen 18 und 24 auch noch einen großen Entwicklungsschub gemacht, was das Zwischenmenschliche betrifft.

t. >>52417

kennyadr Avatar
kennyadr:#52486

>>52462
Rückblickend auf meine Diagnose scheint es das wichtigste Kriterium zu sein, dass sich deine Probleme seit frühster Kindheit zeigen, und heute auch noch da sind. Dabei scheint es nicht unbedingt gegen die Diagnose zu sprechen, wenn du (auch mit einiger Verzögerung) gelernt hast mit manchen Dingen umzugehen (z.B. künstlich Blickkontakt herzustellen) so lange diese Sachen nicht deinem "natürlichen" Verhalten entsprechen.

Asperger ist ja quasi das hochfunktionelle (sprich Intelligente) Ende des Autismus Spektrums, daher überrascht es nicht, dass sich diese Menschen auch zu einem gewissen Grad anpassen können, und lernen "normales Verhalten" vorzuspielen.

Ich bin mittlerweile Ende 20, und habe gelernt im Leben klarzukommen. Habe einen nerdigen Job, und gelgentlich auch mal Sex. Normaler fühle ich mich trotzdem nicht. Im sozialen Alltag Lebe ich quasi nach einem Lexikon des Sozialverhaltens das ich mir Gedanklich angeignet habe und recht gut funktioniert. Als Erwachsener steht es dir aber Frei einen Freundeskreis aus ähnlichen Mensche aufzubauen. Als Kind wurde mir einfach stets das Gefühl gegeben "Ich", meine Person ansich sei falsch und verachtenswert. Und das ist etwas vom schlimmsten das dir als Mensch passieren kann. Und dafür hasse ich manche Gören noch heute. Auch wenn es auf einer logischen Ebene durchaus Begreife, dass man als (offenbar) autistischer Junge in einer Normaloklasse einfach die Arschkarte gezogen hat.

antonyryndya Avatar
antonyryndya:#52493

>>52486
Nachtrag:

Ich hatte nach der Diagnose auch eine kurze Krise, wo ich fühlte als hätte ich mit der Diagnose meine Biografie ruiniert, meinen Eltern ein behindertes Kind angehängt und wegen der späten Diagnose tausend und eine Förderungschance verpasst.

Auch denke ich darüber nach, dass ich dem Mobbing in der Schule hätte entkommen können, und mir viel Leid erspart geblieben wäre.

Aktuell überwiegt aber das gute Gefühl ob der Diagnose.

guischmitt Avatar
guischmitt:#52497

>>52493
Ach, OP. Ich hatte vor ein paar Wochen eine Art Datierung mit einem finnischen Aspergermödchen, das ihre Eigenarten (nahezu) komplett akzeptiert und bejaht hatte. Es war großartig. Sie nahm sich kein Blatt vor den Mund, anders als 100% der weiblichen Menschen, die ich zuvor kennengelernt hatte.

Ich selbst habe ziemlich sicher kein Asperger, auch wenn mein Charakter etwas in die Richtung geht. Jedenfalls kann ich dir nur raten, dir Freunde zu suchen, die auch Asperger haben, wenn du dich auch danach sehnst, nicht ständig überlegen zu müssen, ob das, was du gerade sagen möchtest, sozial akzeptabel ist.