Krautkanal.com

Veröffentlicht am 2016-05-28 09:21:31 in /we/

/we/ 52465: Hallo Bernd, vorab, ich bin mir nicht ganz so sicher, w...

oskamaya Avatar
oskamaya:#52465

Hallo Bernd, vorab, ich bin mir nicht ganz so sicher, was ich mit meiner Pfostierung erhoffe, aber vielleicht kann der ein oder andere Bernd etwas dazu sagen, weiß etwas, oderes kommt ihm bekannt vor.
Ich arbeite derzeit an zwei Baustellen (im übertragenen Sinne):

1) Habe ich eine extreme Scheu vor anderen Menschen und davor meine Wohnung zu verlassen und unter Leute zu gehen. Einerseits machen sie mich sehr nervös und es führt zu Unbehagen und andererseits kann ich Menschen sehr schlecht lesen und vermute oft, dass sie versuchen mich zu manipulieren oder mich schlicht nicht leiden kann. Das mag manchmal stimmen und manchmal auch nicht, aber aber ich kann das nicht gut erkennen und denke fast immer negativ. Zudem fürchte ich mich vor tiefgreifenden Veränderungen in meinem Leben, sprich alles was meinen bisherigen geregelten Tagesblauf durcheinander bringt oder stört. Beides, Menschen sowie veränderte Umstände, bereitet mir ziemlich viel Nervosität und Sorgen, wobei diese Sorgen nicht mal einen konkreten Namen oder Bezug haben, sondern einfach nur im Raum stehen und mich permanent begleiten.

2) Ich bin wohl mit der Komplexität von meinem Leben überfordert. Hierbei sei angemerkt, dass mein Leben eigentlich ziemlich simpel und eintönig ist (was auch wieder daran liegt, dass ich Veränderungen und Einflüsse von außen nicht mag). Dennoch gelingt mir der Spagat zwischen Arbeit (was bei mir die Uni ist), Sozialleben (kaum vorhanden) und Freizeitbeschäftigung/Hobbies nicht. Meine größte treibende Kraft sind im Grunde Zukunftsängste (wie in /we/ >>52420 geschildert) und Minderwertigkeitsgefühle. Versagen hieße, dass ich etwas anderes machen müsste, was wiederum zu tiefgreifenden Veränderungen führen würde. Dementsprechend acker ich wie ein Depp an der Uni und habe für kaum nichts anderes mehr Zeit und komme auch nicht zur Ruhe. Wenn ich mich aber mal zwinge ein wenig frei zu nehmen, plagen mich Schuldgefühle weil ich denke ich müsste jetzt eigentlich etwas produktives/sinnvolles tun. Außerdem muss ich gestehen, dass ich eigentlich keine Persönlichkeit habe und meine Identität auf meinem Studium beruht bzw. sich dadurch stärkt. Auch wenn das nun theatralisch klingt, ohne wüsste ich im Grunde nicht wer ich bin.

Bezüglich der Scheu vor Menschen hat sich schon vieles zum besseren gewendet, dadurch, dass ich einfach versucht habe unter Leuten zu sein und mich mit ihnen auseinanderzusetzen. Allerdings führt das immer noch zu Stress, wenn dieses Zusammensein länger dauert und ich mich nicht zurückziehen kann. Dummerweise falle ich oft in alte Muster zurück wenn ich mich eh schon stark unter Druck gesetzt fühle, und die Berndigkeit nimmt immens zu. Und dies ist leider der Fall, da ich einfach nicht abschalten kann im Bezug auf das Arbeiten und somit gefühlt alle Energiereserven aufgebraucht habe und jegliche soziale Interaktion sich nur noch gezwungen und wie ein Kampf anfühlt, den ich hinter mich bringen muss.

Ist schwierig das in Worte zu fassen.

layerssss Avatar
layerssss:#52470

1) Du wirst wahrscheinlich irgendwann herauswachsen. Falls dir das aber nicht schnell genug geht, ist es immer hilfreich, sich mit den Situationen, die bisher problematisch für einen gewesen sind, zu konfrontieren. Da reicht es für den Anfang schon, mal jemanden an der Bushaltestelle nach der Uhrzeit zu fragen.

Außerdem wirst du irgendwann begreifen, dass niemand so viel über dich nachdenkt, wie du das tust. Du denkst vermutlich auch nicht mehr wirklich darüber nach, was für eine lächerliche Frisur deine Klassenkameradin in der achten hatte.
Du wirst begreifen, dass es völlig egal ist, wie sehr du dich blamierst. Du bedeutest dem Rest der Welt einen Dreck und das ist großartig, weil du dementsprechend mehr oder weniger machen kannst, was du willst.
Und in der Regel bist du nicht einmal ganz so lächerlich, wie du das glaubst. Und falls doch: Die ganze Menschheit ist vollkommen geisteskrank.

Bernd hilft es, wenn er in so einer Situation ist und die Nervosität aufkommen spürt, sich zu fragen, ob es nun wirklich Sinn macht, durchzudrehen und meist ist das nicht so. Manchmal sagt er sich auch, spätestens in ein paar Jahren sei er ja sowieso tot.
Und zum Schluss wendet er sich anderen (keinen Angst-) Gedanken zu, versucht vielleicht sogar mal, seinem Gegenüber stattdessen zuzuhören. Festzustellen, was für Idioten das sind.

2)
Du solltest dir ganz zu Anfang einen Planer zulegen und dir deine Zeit im Vorfeld einteilen, sodass du keine Schuldgefühle mehr haben musst, wenn du dir dann erlaubst, zu entspannen.
Dass man sich mal abackern muss, ist normal. Der sinnlose Stress scheint mir eher das Problem zu sein. Und was den betrifft, kann ich dir nur sagen, dass es nie so schlimm ist, wie man denkt, auch mal irgendwas so richtig in den Sand zu setzen.
Selbst wenn du dich darüber definierst, dass du XYZ studierst, bist du noch immer jemand, der sich hoffentlich für XYZ interessiert. Vielleicht bist du erst kürzlich zuhause ausgezogen (es klingt so) und weißt nicht mehr genau, wer du bist - auch das wird wieder werden.

Wenn du erst einmal gute Freunde oder GF hast, sollte es auch entspannter sein, mit denen rumzuhängen. Du klingst introvertiert. Da ist es schon in Ordnung, hin und wieder früher von einer Partei nach Hause zu gehen und ein Buch zu lesen.

Stress dich einfach mal nicht.

mbilderbach Avatar
mbilderbach:#52474

>>52470
Erst mal vielen Dank für die Antwort und die Mühe die du dir gemacht hast, das so ausführlich darzulegen.

>Da reicht es für den Anfang schon, mal jemanden an der Bushaltestelle nach der Uhrzeit zu fragen
Genau das habe ich auf anraten u.a. von Bernd gemacht, da es ja auch die logische Konsequenz ist sich mit dem auseinanderzusetzen was einen fürchten lässt.
Und es hat ungemein geholfen, indem ich mich, ausgehend davon dass das Telefonklingeln in mir Panik ausgelöst hat, zu einer eher schüchternen und zurückhaltenden Person "weiterentwickelt" habe. Das störende ist nur, dass ich mich gerade in Situationen in denen ich mich gestresst fühle wieder zurückentwickle und mich dann auf ein neues wieder aus dem Loch herausarbeiten muss. Und es ist immer etwas frustrierend zu erkennen, das diese menschlichen Fortschritte nicht konstant sind sonder permanent auf diesem Level wenigstens gehalten werden müssen.
> Vielleicht bist du erst kürzlich zuhause ausgezogen (es klingt so)
Ich habe allein und auch zusammen mit anderen immer relativ isoliert gelebt. Natürlich ist es gut, zumindest für mich, mit jemandem zu leben, da es mich zu einem Mindestmaß an gesellschaftlicher Interaktion zwingt.
>dass es nie so schlimm ist, wie man denkt, auch mal irgendwas so richtig in den Sand zu setzen
Nun, es heißt ja, geht eine Tür zu geht eine andere auf. Aber es gelingt mir nur schwer das zu akzeptieren und eigentlich will ich es auch nicht wahr haben bzw. so weit kommen lassen. Mir gelingt das Abschalten vom Kopf nur sehr selten.
>GF hast
Kürzlich in den Sand gesetzt. Ich war noch nie mit einer Situation so überfordert.
>Wenn du erst einmal gute Freund
Diesen Menschen gibt es zu meinem Glück, wobei ich nicht erkenne warum.
>Da ist es schon in Ordnung, hin und wieder früher von einer Partei nach Hause zu gehen und ein Buch zu lesen
An diesem Punkt war ich mal, war auch schön. Aber da muss ich erst wieder hin und mich aus der Einsiedelei herausarbeiten.

bighanddesign Avatar
bighanddesign:#52477

>>52465
>oder es kommt ihm bekannt vor.
Kenne deine Fühls ;_;
Ich habe im Moment auch quasi keine nennenswerten Sozialkontakte, habe potentielles GF vor kurzem wegen absoluter Berndigkeit trotz beidseitigem Interesse natürlich nicht bekomben und strauchele mit sozialen Interaktionen allgemein.

Ich habe aber auch im letzten halben Jahr ein wenig aufgemannt und meine Scheu versucht zu überwinden. Zwei Dinge haben mir dabei wirklich geholfen: Das erste ist Sport. Es tut gut, sich selbst zu fühlen, und es gibt nichts besseres als nach einem anstrengenden Training müde ins Bett zu fallen.
Die zweite Sache ist ein Psychotherapeut. Da du ja auch Student bist und deine Uni oder das lokale Studentenwerk garantiert psychologische Beratungsstellen anbieten (die für dich kostenlos sind), kannst du die auch benutzen! Es hört sich für mich so an, als ob dein größtes Problem fehlendes Selbstvertrauen und damit ein negatives Selbstbild und zu wenig Übung im Gespräch und Umgang mit anderen Menschen sind. Psychotherapeuten werden dafür bezahlt, dich zum Reden zu bringen und genau das brauchst du vielleicht: Jemanden, der dich in einer geschützten Umgebung mal richtig ausfragt. Oft gibt es auch noch Gruppen für Bernd und Mitbernd.
Mir hat das beides geholfen. Es beansprucht Zeit, sich zu verändern, aber es kann sich auch lohnen. Du schaffst das Bernd :3

nerrsoft Avatar
nerrsoft:#52478

>>52477
>Das erste ist Sport
Habe ich gemacht. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Da gäbe es an sich viel zu erzählen, aber das Tollste daran ist, dass ich nach dem Sport einfach gute Laune habe. Sport ist für mich ein gute Laune Garant.
>Die zweite Sache ist ein Psychotherapeut. Da du ja auch Student bist
Daran habe ich gar nicht gedacht. Die gibt es bei mir auch soweit ich weiß. Prima Idee Bernd, und sei es, dass ich nur mal jemanden aus Fleisch und Blut habe der mir zuhört.
Danke für die Antwort und den Tipp. Hatte völlig vergessen, dass es sowas gibt und ich es auch in Anspruch nehmen darf.

jasontdsn Avatar
jasontdsn:#52488

>>52465
So, habe gemerkt, dass sogar leichter Schlafmangel meine Berndigkeit immens verstärkt.
Das ist definitiv etwas das behoben werden kann.
Selbstsäge weil nicht stoßenswürdig.