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Veröffentlicht am 2017-07-04 10:15:48 in /we/

/we/ 53900: Festgefahren und einsam

herkulano Avatar
herkulano:#53900

Hallo Bernd,

ich habe überlegt, ob ich mich mit diesem Thema an /fb/-Bernd oder Dich wenden soll, aber ich denke, hier hat man u.U. meer Erfahrung mit solchen oder ähnlichen Situationen.

Ich bin nun 25 Jahre alt und habe mich wohl ziemlich ins Abseits manövriert und habe die Befürchtung, da nicht allzu schnell und alleine (oder wenn es schlecht läuft, auch gar nicht) herauszukommen.

Zur Situation: ich bin vor einigen Jahren alleine in eine Großstadt gezogen, da ich einfach das Bedürfnis hatte, nicht ewig in meiner Heimatstadt zu wohnen. Mein (kleiner) Freundeskreis war sowieso nicht mehr da, meine Eltern sind auch weggezogen und meine Arbeit machte mir auch keinen Spaß. Zudem konnte ich in der Zeit gut Geld ansparen, so dass ich dieses Unterfangen gut finanzieren konnte.
Ich suchte mir einen neuen Dschob und zog dann eben gut 50km weit in die neue Stadt.

Wie sich herausstellen sollte, ist der Dschob relativ mies, finanziell ist jeder Monat eine Nullrunde, ich habe hier bis heute keine richtigen Freunde gefunden und führe ein ziemlich erbärmliches Leben. Bisher habe ich meine Freunde immer dort gefunden, wo ich mich tagsüber aufhalte (Schule, Ausbildungsplatz, frühere Arbeitsstätte, Berufsschule usw.), aber hier könnten 90% der Belegschaft ein Elternteil von mir sein und mit einigen von denen Treffe ich mich hin und wieder zum Essen, aber das ist auch schon alles. Und über die verbleibenden 10% brauchen wir wirklich nicht reden, das sind Azubis und irgendwelche Fashiongirls.
Woche für Woche quäle ich mich so zum Wochenende, welches ich dann auf Gras und MDMA (das nicht jedes We.) zu Hause verbringe. Um etwas Kontakt zu anderen Menschen zu haben, suche ich mir regelmäßig Seksdatierungen*. Man muss sagen, dass dadurch mitunter auch kühle Kontakte entstehen können, aber dann kommen wir zu meinem nächsten Problem: ich kann keinen Kontakt halten. Zu meinen früheren Freunden habe ich auch keinen mehr. Dort bin ich in einem fest bestehenden und eingeschworenen Freundeskreis dazugestoßen, wo ich oft eingeladen und immer wirklich gern gesehen war, aber wo das eben unmöglich an diese bestehenden Sandkastenfreundschaften heranreicht, aber es war eine sehr schöne Zeit.

Viele Menschen, zu denen ich in irgendeiner Form Kontakt habe, mögen mich. Ich bin humorvoll, schlagfertig, habe Charakter, akzeptiere die Meinungen anderer, kann zu vielen Gesprächen etwas beisteuern und möchte gerne Dinge unternehmen. Soll kein Eigenlob sein, ich möchte nur sagen, dass ich nicht verklemmt oder komplett sozialretardiert bin.
Unternimmt nun jemand den Versuch, näher an mich heranzutreten und schreibt mir zwischendurch, fange ich an abzublocken, sobald es darum geht, etwas zu machen. Ich weiß, wie paradox das klingt und innerlich schüttel ich gerade selbst mit dem Kopf und gesichtspalmiere. Ach, genug Berndsprech, es ist mir ernst. Ich habe mir vorgenommen, dass ich, wenn ich jemanden kennenlerne mit dem ich ein paar Gemeinsamkeiten habe, dieses Verhalten abstelle. Bei dem Nichtantworten habe ich dann nämlich stets das Gefühl, es könne eh nichts daraus werden (weil Köln 50667-Gucker und dergleichen).

(im ersten Antwortpost geht es weiter, ist aber nicht mehr viel)

devankoshal Avatar
devankoshal:#53901

Aus diesen Gründen weiß ich aber im Moment nicht, wie es weitergehen soll. Einen neuen Job suchen und in eine andere Stadt mit günstigeren Mieten ziehen, um dort einen Neuanfang zu starten und am Monatsende etwas zur Verfügung zu haben? Am Geld scheitert das Kontakthalten etc. jedenfalls nicht, aber an Urlaub und auch nur mittelgroße Anschaffungen brauche ich auch nicht zu denken. Dementsprechend habe ich auch Angst vor dem finanziellen Risiko, denn für Kautionen und Neuanschaffungen müsste ich einen Kredit aufnehmen und zahle hier noch einen ab (bisher keinerlei Schwierigkeiten dabei, ca. 2000€ sind noch offen).
Hier in der Stadt einen neuen Job und neue Wohnung suchen (der Arbeitsmarkt gibt hier viel her)? Oder etwas ganz anderes?

Thema Drogen abschließend noch: ich habe nicht den Eindruck, dass dies der Hemmschuh ist. Es ist zwar nicht ganz wenig, was ich nehme, aber das liegt mehr an der allgemeinen Langeweile und würde sich bei weniger Langeweile automatisch reduzieren, so gut kenne ich mich.

Das ganze ist nun evtl. etwas unstrukturiert geschrieben und vielleicht habe ich auch etwas vergessen, aber das kann ich ja ggf. noch nachreichen.
Ich würde mich wirklich freuen, wenn Bernd mir hier ein wenig zur Seite stehen kann, denn zum Reden über sowas ist ja niemand da. Mir fehlen einfach komplett andere Meinungen oder auch jemand, der mit so etwas vielleicht schon Erfahrungen hat.


* vielleicht ernte ich nun Hass, aber /tu/ ist mein zu Hause und da ist es nicht so schwer etwas zu finden. Nur bevor jemand auf die Idee kommt, ich sei Busfahrer und weite Mullen im Akkord.

Shriiiiimp Avatar
Shriiiiimp:#53902

>Unternimmt nun jemand den Versuch, näher an mich heranzutreten und schreibt mir zwischendurch, fange ich an abzublocken, sobald es darum geht, etwas zu machen

Du hast eindeutig ein leichtes psychisches Problem Bernd. Willkommen im Club.
Der erste Schritt ist dich selbst so gut zu hinterfragen, bis du erklären kannst, woher dieses Verhalten kommt. Was genau geht in dir vor, wenn du andere abblockst? Das kann man in Eigenregie machen. Dazu braucht man nur Zeit und Ruhe, kein Internet, Block und Stift.

Es kann viele Gründe haben warum du so handelst, aber auch nicht unendlich viele. Der Wahrscheinlichkeit nach bist du ein Standardfall. Deswegen lohnt es sich, sich etwas mit Hintergarten Psychologie zu beschäftigen.

Hier ein Mondsprachenvideo über "Selbst-Sabotage"
https://www.youtube.com/watch?v=ni-Gqp9-Has&list=PLwxNMb28XmpckOvZZ_AZjD7WM2p9-6NBv&index=77

Oder: Du hast dein ganzes Leben lang den harten Einzelgänger gespielt, der keine Schwäche gegenüber anderen Zeigen darf, und wenn du den Leuten antwortest, zeigst du Schwäche, weil du dann nicht mehr "unantastbar" bist.

Oder: dein Selbstwertgefühl(genauer: die Meinung die Du erwartest, dass andere sie von dir haben) so am Boden, dass du erst gar nicht versuchst, Kontakt aufzubauen, weil du denkst, dass du den anderen eh nur enttäuschen wirst.

Oder: du hast bisjetzt einfach nur Busfahrer getroffen und kommst prinzipiell nicht mit Busfahrern klar.

Auf jeden Fall ist es eine gute Idee das Gefühl der Einsamkeit nicht zu bekämpfen, sondern zu genießen und als Motivator zu nutzen, um mit anderen in Kontakt zu treten. Meine persönliche Meinung ist, dass man andere Menschen nur richtig wertschätzen kann, wenn man sich mindestens ein mal im Leben richtig jämmerlich einsam gefühlt hat.

>aber hier könnten 90% der Belegschaft ein Elternteil von mir sein
was genau meinst du damit?

>Einen neuen Job suchen
Wirf doch einfach mal Bewerbungen in die Welt. Wenn du was besseres findest, gehst, wenn nicht, bleibst. Hast ja auch inzwischen mehr Arbeitserfahrung als als du angefangen hast.

mizhgan Avatar
mizhgan:#53905

>>53900
>Unternimmt nun jemand den Versuch, näher an mich heranzutreten und schreibt mir zwischendurch, fange ich an abzublocken
Wieso gehst du jetzt nicht auf die Personen zu?

Dieses Abblocken kenne und mache ich auch. Ist wohl ein Schutzreflex.

snowwrite Avatar
snowwrite:#53915

>>53902
Meine Antwort natürlich erst ein paar Tage später.
Aber danke in jedem Falle.

Ich habe die letzten Tage über mal versucht, darüber nachzudenken. An irgendeinem Punkt mache ich zu und verschließe mich kurz komplett.
Rückwirkend fällt mir auf, dass ich mich auf neue Situationen nur einlasse, wenn ich sie gut abschätzen und mich innerlich darauf vorbereiten kann, um nicht überrascht zu werden. Das heißt, ich überlege mir eventuelle Gesprächsthemen, Antworten auf Fragen die kommen könnten, Geschichten die ich erzählen kann usw. usf.

Dazu kommt, dass ich nach besonders anstrengenden (Arbeits-)Wochen wirklich lieber hochierend allein zu Hause bin. Vielleicht sollte ich das mal langsam einschränken, wenn sich eine Möglichkeit ergibt, etwas anderes zu machen.
Jedoch lerne ich einfach niemanden (mehr) kennen, der halbwegs so tickt wie ich und weiß in der momentanen Situation auch nicht, wie... Ich überlege wegzuziehen und einen neuen Job anzutreten, was natürlich Freundschaften hier direkt wieder beenden würde.
Deswegen gebe ich mir auch keine große Mühe.


Mit dem "Elternteil"-Spruch spiele ich nur auf das Alter meiner Arbeitskollegen an. Wie gesagt, ich komme mit den meisten auch prima klar und treffe mich mit einigen unregelmäßig zum Essen in der Freizeit, aber gleichaltrige Kontakte sind dort nicht vorhanden.

Werde jetzt mal verstärkt die Jobbörsen durchforsten, sowohl für meine Heimatstadt als auch für andere.


>>53905
Nunja, im Moment habe ich mich ziemlich ins Abseits gestellt... Viele melden sich nicht mehr und ich hab mit denjenigen eigentlich kaum etwas gemeinsam, was sicher auch zu dieser Reaktion führt.


Würde mich noch über etwas Input freuen. Mir fällt es wahnsinnig schwer, gerade den nächsten Schritt zu gehen und ich mag nicht meine besten Jahre verschwenden. ;_;

joeymurdah Avatar
joeymurdah:#53920

>>53915
irgendeinen Grund hat es ja, dass du so abblockst. Ist ja total paradox, dich einerseits darüber zu beklagen einsam zu sein, und dann Menschen abzublocken, die Kontakt zu dir suchen.
Ich würde das an deiner Stelle hinterfragen.
Vielleicht hast du insgeheim Angst, Erwartungen nicht erfüllen zu können. Oder verletzt zu werden.
Oder du siehst dich gerne als Eremit und einsamen Wolf, der sowieso nichts braucht. Aber ich glaube eher, du blockst aus anderen Gründen ab. Oft hängt dann doch der Selbstwert mit drin.

trueblood_33 Avatar
trueblood_33:#53921

Schizoide Persönlichkeitsstörung eventuell.

andrewgurylev Avatar
andrewgurylev:#53922

>>53921
Also Bernd, ich schmunzele für gewöhnlich immer innerlich in mich hinein, wenn jemand Wikipedia-(und andere)-Krankheitsartikel auf sich bezieht, aber hier bin ich gerade ein bisschen perplex. Es trifft im Grunde alles zu, was ich dort lese; hier konnte ich das nur grob umreißen und nicht allgemein beschreiben, sondern nur auf meine aktuelle Situation beziehen.

Das Kontakthalten wollte ich hier ursprünglich nicht einmal zum Hauptthema machen, sondern dass ich mich selbst insgesamt immer weniger verstehe und es mir unfassbar schwerfällt, momentan ein Ziel zu setzen. Klar waren diese Verhaltensweisen bei mir schon immer in gewissem Maß gegeben, aber ich kam damit klar, weil ich immer 1-2 gute Freunde hatte, so dass mein Kontaktbedürfnis mehr als ausgereizt war.
Ich bin mir aber sicher, dass ich die auch wieder haben werde, sofern ich Leute kennenlerne, auf die ich wirklich Lust habe.

Schreibe später weiter... unpersönliche Sexdatierung ist anberaumt.

mactopus Avatar
mactopus:#53926

>>53922
Und? Wie war die unpersönliche Sexdatierung?

Dieser Bernd hier hat ähnliche Probleme.

Ich glaube einfach, mein Selbstwertgefühl ist ziemlich im Keller, so dass ich immer glaube dass ich eh nicht gut genug für die anderen Menschen bin, nach dem Motto "ach, irgendwann merken die, dass ich Bernd bin und nix besonderes vorzuweisen habe und eigentlich eh lieber meine Ruhe will"...
Schlimm. Ich bin gerne und oft alleine. Aber ich möchte nicht einsam sein. Aber ich schaffe es nicht, nicht einsam zu sein. Es ist zum heulen.

Eigentlich möchte ich nur GF, mehr brauche ich nicht. 1,2 Freunde mit oder ohne GF wäre nicht schlecht. Aber das werde ich nie schaffen. Wenn das so weiter geht, werde ich grillen gehen.